Monat vier im Leben zu fünft

Oder: Baby-Männerschnupfen


Phils vierter Lebensmonat beginnt mit der Erkenntnis, dass wohl irgendetwas dran sein muss an dem Vorurteil, Jungen seien empfindlicher als Mädchen.

Den Anfang macht Lena, die von einem Tag auf den anderen beginnt, fortwährend laut und rasselnd zu husten. Sie ist in dieser Hinsicht überhaupt recht anfällig; wir haben bis jetzt noch nicht herausbekommen, woran genau das liegt (Daran, dass sie ihr nacktes Bäuchlein gern der Umwelt präsentiert? Oder daran, dass sie der Meinung ist, die Beine müssten nachts auf der Decke liegen, nicht darunter?). Nach den Erfahrungen des letzten Winters, in dem bei den Mädchen über mehrere Monate eine Bronchitis die andere jagte, gehen wir diesmal auf Nummer sicher und lassen Lena gleich eine Woche Zuhause. Wie nicht anders zu erwarten, ist kurze Zeit später auch Nele erkältet. Nicht gerechnet habe ich jedoch damit, dass sich dann auch Phil dem allgemeinen Husten und Schniefen anschließt. Die nächste Nacht verbringen wir im permanenten Wechsel aus Halbschlaf und Dämmerzustand, mit der konstanten Geräuschkulisse einer verstopften Nase, die sich alle Mühe gibt, die übliche Menge Luft durchzulassen, aber kläglich und lautstark an dieser Aufgabe scheitert. Spätestens als mir Phil am folgenden Morgen das vertraute Grinsen beim Anblick meines Gesichts vorenthält, stattdessen das eilig herbeigeholte Fieberthermometer etwas über 39 Grad anzeigt, wissen wir: Baby ist krank. Und so sehr jedes kranke Kind schmerzt – sobald ein hilfloser Säugling betroffen ist, der sein Leid nicht wortreich klagen kann, und dem auch nicht mittels Schokolade wenigstens ein bisschen Trost verschafft werden kann, sind die elterlichen Seelenqualen noch ein bisschen größer.

Wir fahren also zur Kinderärztin, die etwas kryptisch einen „Grenzbefund“ diagnostiziert. Sie verschreibt ein Antibiotikum, begleitet von ernster Miene, Sorgenfalten auf der Stirn und dem Hinweis, wir sollen im Hinblick auf „seine Geschichte“ und zurzeit grassierende „schwere Infekte“ maximal noch ein oder zwei Tage mit der Einnahme abwarten.

Ich bin kein Fan von Antibiotika und stehe dem inflationären Gebrauch von Medikamenten sowieso sehr skeptisch gegenüber. Eine Lungenentzündung will ich dann aber doch nicht riskieren, und so beginne ich noch am selben Abend mit der Verabreichung des Antibiotikums. Ich kann mich nicht erinnern, dass eines unserer Mädchen bereits in diesem zarten Alter einen derartigen Infekt hatte. Später, als der Nestschutz durch die Muttermilch wegfiel und sich die Ansteckungsgefahr in der Kindergrippe exponentiell erhöhte, sicherlich – aber nicht im ersten halben Lebensjahr. Im Übrigen hat Phil sowieso eine ganz besondere Tonlage, in der er der Welt sein Unbehagen mitteilt: Er stimmt dann ein hohes Jammern an, das uns bereits in den ersten Lebenstagen aufgefallen ist und klingt, als sei beim Martinshorn der Akku leer. Nun, da seine Stimme sowieso angekratzt ist und in diesen Tonlagen nicht mehr mithalten kann, wirkt das Spektakel natürlich noch weit mitleiderregender. Es bricht mir das Herz, und ich für meinen Teil kann bestätigen: Männer sind Sensibelchen.

Ein weiteres Klischee, das in unserem Fall zuzutreffen scheint: Baby-Jungs sind in der Entwicklung der Motorik etwas schneller als Mädchen. Phil strampelt und rudert mit allem, was die knapp 6,5 Kilogramm Körpermasse hergeben. Er versucht schon seit Wochen, vorwärtszukommen. Zum jetzigen Zeitpunkt schafft er es immerhin, den Po in die Höhe zu hieven, die Knie darunter zu ziehen und die Beinchen anschließend wegzustoßen. Nur beim notwendigen Fixieren der Knie auf dem Untergrund hapert es noch, weswegen sich im Resultat immer nur die Beine zurück- statt der Körper vorwärtsbewegen. Vermutlich frustriert wegen der ausbleibenden Erfolgserlebnisse hat er nun begonnen, das Drehen zu üben. Von der Rücken- wirft er sich mit Schwung in die Seitenlage, krümmt sich nach vorn in die C-Form, schubst sich mit den Beinen in die richtige Richtung – und scheitert dann (vorerst noch) an dem Bremsklotz, den sein untenliegender Arm darstellt.

Bei all diesen sportlichen Übungen zeigt er einen erstaunlichen Ehrgeiz: Auch der zehnte vergebliche Versuch ist kein Grund, Nummer elf nicht in Angriff zu nehmen (allerdings mit zunehmend intensivem Wutgeschrei). Bei den Mädchen hat in solchen Situationen, zumindest meiner Erinnerung nach, die Vernunft gesiegt: Nach einigen erfolglosen Versuchen wurde das Üben eingestellt und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Ob Phil sich nun im Gegenzug Zeit lässt bei der Entdeckung der Sprache, wird sich noch herausstellen. Ich hätte jedenfalls nichts dagegen – zwei Plappermäuler sind für’s Erste vollkommen ausreichend.

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