Monat sechs im Leben zu fünft

Oder: Wie ich zur Hexe mutierte


Der Februar ist turbulent bei uns. Zuerst beschließt Mama, Phils kulinarisches Leben mit Brei zu bereichern. Trotz idealen Ausgangsbedingungen – Phil ist ausgeschlafen, nicht hungrig, aber auch noch nicht zu satt – wird der erste Löffel, der sich langsam und mit der orangeroten Masse beladen in sein Blickfeld bewegt, sehr misstrauisch begutachtet. Als der Löffel eindeutig den Weg in Richtung Mund einschlägt, öffnet sich dieser zunächst pflichtschuldig. Das Aufeinandertreffen von Möhrenbrei und kindlichen Geschmacksknospen führt jedoch dazu, dass der Mund vor Schreck offenbleibt, die Mundwinkel sich deutlich nach unten bewegen und das Gesicht sich zu einer angewiderten Grimasse verzieht, wie sie Mama bis dato noch nicht zu sehen bekommen hat. Der erhoffte Schluckreflex setzt zwar ein, leider erst, nachdem die gerade verabreichte Masse wieder aus dem Mund herausgelaufen ist. Mama versucht es noch einmal und noch einmal. Phil reagiert auf die unerwünschte Hartnäckigkeit, indem er beginnt, das Essen mit der Zunge aktiv herauszuschieben. Es dauert nicht lange, da sind neben dem Strampler auch Mamas Jeans, der Tisch und der Fußboden mit hübschen orangen Flecken verziert. Das Lätzchen bleibt sauber, versteht sich…

Soviel zum ersten Versuch. Ich bleibe geduldig. Nach einigen Tagen zeigt sich Phil deutlich kooperativer und scheint bald sogar einen gewissen Gefallen an dem neuartigen Geschmackserlebnis zu finden. Schrittweise kann ich die Menge erhöhen. Im Gegensatz zu seinen Schwestern, die damals die Brust sehr schnell zugunsten des Gläschens verschmäht haben, ist Phil allerdings bis jetzt nicht gewillt, dieses Privileg aufzugeben: Nach der Hälfte der Mahlzeit bleibt der Mund dauerhaft geschlossen und öffnet sich erst dann wieder, wenn ich den Tisch verlassen und mich mit ihm in Stillposition begeben habe. Dort trinkt er dann, die Nase tief in der Brust vergraben, gierig und in tiefen Zügen so lange, bis das Bäuchlein wirklich voll ist. Vielleicht braucht er noch etwas Zeit für die Umstellung, vielleicht schmeckt der Rindfleisch-Möhren-Kartoffel-Mix, den D. und ich zubereitet haben, ja auch nicht so besonders – wir werden sehen.

Lena verlangt uns zurzeit besonders viel Aufmerksamkeit ab. Im Januar, einige Tage nach der letzten Impfung, hat sich bei ihr plötzlich großflächiger, roter Ausschlag gezeigt. Zunächst haben wir diese beiden Ereignisse nicht in Verbindung gebracht, schließlich kennen wir das von Nele, deren Haut ähnlich reagiert, wenn sie doch irgendwo mal ein Milchprodukt zu sich genommen hat. Doch die Wochen vergehen, der Ausschlag verschwindet nicht, sondern wird eher schlimmer, und bald beklagt sich Lena zusätzlich über Juckreiz. Die lapidare Diagnose der Kinderärztin lautet: Neurodermitis. Sie verschreibt eine Fett- und eine Cortisonsalbe. Erstere cremen und cremen wir ohne jeglichen Erfolg, letztere liegt immer noch abholbereit in der Apotheke, weil sich mein Mutterinstinkt dagegen sträubt, sie zu verwenden. Ab und zu scheint es kurz etwas besser zu werden, dann wieder sieht Lena aus, als probiere ihr Körper Masern, Röteln und Dreitagefieber gleichzeitig aus. Unsere Nächte, die sowieso nie besonders erholsam sind, werden zur Tortur: Lena wacht weinend auf, Phil muss gestillt werden, Lena weint wieder, Lena krabbelt ins Elternbett; Lena wirft sich unruhig hin und her, Phil hat wieder Hunger und wacht auf, Nele beschwert sich (weinend – wie sonst) über den Lärm… Bald sind wir mit den Nerven am Ende.

Meine Hebamme empfiehlt mir eine Heilpraktikerin in der Nähe. Wir bekommen mit viel Glück kurzfristig einen Termin, und so mache ich mich eines sonnigen Vormittags zusammen mit meiner Mutti, Phil und Lena auf zu einer ganz neuen alternativmedizinischen Erfahrung. Vorbei an Äckern und über holprige Straßen führt uns der Weg zur Praxis an den Stadtrand, wo sie in einem Dreiseitenhof untergebracht ist. In der Sonne im Hof dösen Katzen. Im Inneren des Warteraums riecht es nach Räucherstäbchen; alles sieht gelb oder rot oder terrakotta-farben aus. Die Einrichtung ist einigermaßen kitschig, aber nicht ungemütlich, weil irgendwie doch alles zusammen passt. Wir müssen nur wenige Minuten warten, dann holt die Heilpraktikerin mich und Lena in ihr Sprechzimmer (noch mehr afrikanische Figuren und ätherische Öle). Wir sprechen kurz über die Gründe unseres Besuchs, dann geht es an die Untersuchung. Ich will nicht wissen, welches Bild es für den objektiven Beobachter abgibt, wie Lena da auf der Liege liegt, während die Heilpraktikerin ihren Bauch abklopft, den Kopf betastet und abwechselnd ihre Arme in die Höhe schwingt, während sie die Namen verschiedener Heilkräuter murmelt. Ich werde auch lieber nicht näher eingehen auf meine Hausaufgabe: die Herstellung eines homöopathischen Gemisches, welches ich im Anschluss pflichtschuldig in der heimischen Küche zubereite und das die Verwendung und ergo Beschaffung von Lenas Eigenblut  („Mama hat mich gepiekst!!!“) und Hautzellen („Mama schneidet mich!!!“) beinhaltet. Im Geiste sehe ich mich bereits in wallendem schwarzen Rock um den zum Kessel umfunktionierten Wok herumtanzen. Oje.

Jedenfalls geben wir Lena seitdem zweimal täglich ihre homöopathischen Tropfen, verabreichen Löwenzahntee und Leinöl vor dem Essen, und haben darüber hinaus neben der Milch auch Zucker, Ei und Fruchtsäuren weitgehend vom Speiseplan verbannt. Nun, am Ende des Monats, können wir eigentlich ein positives Fazit ziehen: Der Hautausschlag verblasst langsam, Lena scheint fröhlicher und ausgeglichener zu sein, und so ganz nebenbei schläft sie plötzlich besser: Die meisten Nächte mit nur einer oder zwei Unterbrechungen, die darüber hinaus nicht mit Gebrüll eingeleitet werden – das ist ein erheblicher Fortschritt. Auch hat uns der Besuch bei der Heilpraktikerin in unserem Verdacht eines Zusammenhangs zwischen Lenas Beschwerden und der Impfung bestärkt (O-Ton: „Sie glauben gar nicht, wie viele Kinder zu uns kommen, die nach einer Impfung plötzlich Neurodermitis bekommen haben…“).

Zu guter Letzt bin ich dank einer Home-Office-Vereinbarung mit meiner Firma auch wieder (in geringem Stundenumfang) arbeitstätig.

Ach ja, und erwähnte ich, dass Phil Ende des Monats gelernt hat, sich fortzubewegen? Es sieht also nicht so aus, als käme in absehbarer Zeit Langeweile bei uns auf…

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2 Kommentare zu „Monat sechs im Leben zu fünft“

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