Monat sieben im Leben zu fünft

Oder: Wie ich die Mülltonne in den Schlaf wiegte


Ziemlich genau am Ende des sechsten Lebensmonats hat Phil eine wichtige Entdeckung gemacht: Entfernte Gegenstände müssen bei geschicktem Körpereinsatz nicht länger unerreichbar bleiben. Ein Arm muss lediglich in Zielrichtung ausgestreckt werden, der Körper anschließend mit den Knien hinterhergeschoben werden und tataaa: Man befindet sich plötzlich ein ganzes Stück weiter vorn als vorher. (Dieselbe Technik hat übrigens auch Lena damals angewendet, um sich fortzubewegen, allerdings etwa einen Lebensmonat später.)

Und dann geht alles – mal wieder – rasend schnell. Wir haben nur wenig Zeit, uns auf die neue Situation einzustellen und die diversen erforderlichen Kindersicherungsmaßnahmen zu ergreifen: Phil macht sich auf, über den rechten Arm robbend die Welt zu erkunden. Oder, anders ausgedrückt, systematisch die Wohnung unsicher zu machen.

Bis vor kurzem konnte ich, wenn ich duschen wollte, Phil auf dem Badvorleger ablegen, und er hat zuverlässig zehn Minuten lang fasziniert die an der Duschtür herunterrinnenden Tropfen beobachtet. Jetzt sind Wassertropfen langweilig geworden. Den Mülleimer umschmeißen? Die Kinder-Klobrille ansabbern? Das Kabel des Föns mit dem Mund untersuchen? Wesentlich interessanter, Mama.

Bis vor kurzem konnte ich Phil eine ganze Weile auf dem Fußboden in der Mitte des Wohnzimmers lassen, wo er sich quietschvergnügt mit den von mir ausgewählten Spielzeugen beschäftigte. Jetzt wählt sich Phil seine Spielsachen selbst aus – und die entsprechen so gar nicht meiner Vorstellung von babygerechten Objekten. Das Kassettendeck des Radios? Der Netzstecker des Laptops? Die bis auf den Boden hängenden Blätter des Elefantenfußes? Kein Problem. Alles eine Sache von Sekunden, Mama.

Bis vor kurzem konnte ich Phil auf der Wickelunterlage platzieren und den Wickelvorgang schnell, effizient und ohne Unterbrechungen durchführen. Jetzt wird der Wickeltisch zum Mini-Parcours gemacht. Die Windel, die straffgezogen werden soll? Schnell den Po in die Luft heben, dann gelingt dieses Unterfangen garantiert nicht. Der Angreifer, der sich mit den Socken nähert? Ein paar kräftige Tritte mit den Füßchen, und er ist in die Flucht geschlagen. Die Hose, die auf die Beinchen gefädelt werden soll? Eine geschickte Drehung, und man ist daran vorbei. Ich brauche jetzt nicht mehr angezogen werden, Mama.

Auf der anderen Seite – und das ist irgendwie paradox, weil es einen Gegenpol zur Selbstständigkeit seiner Erkundungstouren darstellt – durchlebt Phil in seinem 7. Lebensmonat eine Phase extremer Verlustangst. Sowohl mittags als auch abends schläft er nur noch an Mamas Brust gekuschelt ein. Verlasse ich das Zimmer auch nur eine Minute zu früh, wacht Phil wieder auf. Ich kann die Sekunden zählen: Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Jammern! Bin ich nicht schnell genug wieder da, oder habe ich mich sogar erdreistet, Papa zu schicken, steigert sich das Jammern zum verzweifelten Brüllen. Erst wenn ich mich wieder neben Phil ins Bett lege, beruhigt er sich langsam wieder – und oft genug klammert sich sogleich ein kleines Händchen in meine Anziehsachen, um zu verhindern, dass sich Mama erneut leise aus dem Bett schleichen kann.

Auch bei der Mittags- und Abendmahlzeit, die wir eigentlich schon fast milchlos abwickeln konnten, sind Rückschritte zu verzeichnen: Phil hat beschlossen, zu seiner Milch-her-sonst-Mund-zu-Philosophie zurückzukehren. Am Anfang (solange der Hunger noch entsprechend groß ist, vermutlich) klappt alles hervorragend, nach einigen Löffeln aber beginnt Phil die Nahrungszufuhr auf diese Weise stur zu verweigern. Mit Aufstehen, Herumtragen, Hin- und Herschaukeln und Gut-Zureden gelingt uns die Verabreichung einiger weniger weiterer Löffel. Irgendwann gebe ich frustriert auf, und wir beschließen die Mahlzeit dann doch wieder an Mamas Brust.

Die Notwendigkeit der beständigen Schaukelbewegung ist inzwischen regelrecht zur Angewohnheit geworden – und die schleicht sich im Alltag bei Gelegenheiten ein, bei denen man sie nun wirklich nicht erwarten würde. So geschehen vor ein paar Tagen beim Holen der Mülltonne. Als ich nämlich kurz stehenblieb, begann ich reflexartig und wie selbstverständlich, diese sanft an der Hand nach oben und unten zu schaukeln. Nun ja. Ich habe das Gefühl, es wird Zeit, dass ich mal wieder von Zuhause rauskomme…

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