Der Weizen ist schuld

Nach langer Suche haben wir endlich den Auslöser von Lenas Hautausschlag (darüber hatte ich schon im Beitrag „Monat sechs im Leben zu fünft“ berichtet) identifiziert: Es ist der Weizen. Das ist schon irgendwie paradox, weil wir schon längere Zeit eine Nahrungsmittelallergie in Verdacht hatten und deshalb beim Kinderarzt auch extra einen Bluttest haben machen lassen. Mir wird noch heute ganz schlecht, wenn ich daran denke, wie Lena auf der blauen Liege lag, die große Kanüle im schmalen Ärmchen steckend, die Augen vor Angst und Schmerz weit aufgerissen und das Gesicht tränennass, während Ärztin und Schwester minutenlang vergeblich versuchen, die erforderliche Menge an Blut zu bekommen. Ausgerechnet unsere kleine tapfere Lena, die sonst nichts so leicht aus der Bahn wirft. Und wofür? Als ich mich anderthalb Wochen später telefonisch nach den Testergebnissen erkundigte, meinte die Kinderärztin nur, der Test sei negativ ausgefallen. Alles bestens, es wurden keine Allergien gefunden – nicht gegen Weizen, nicht gegen Ei, nicht gegen Gluten, nicht gegen Milch.

Einfach fleißig Cortison cremen und auf das Beste hoffen? Das kam für uns nicht infrage. Stattdessen haben wir auf unser Bauchgefühl gehört, haben weiterhin an einen Zusammenhang mit der Ernährung geglaubt. Die Suche danach gestaltete sich wie die nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Jeden einzelnen Bestandteil in Lenas und damit auch unser Ernährung haben wir genau unter die Lupe genommen, haben Zutatenlisten studiert und unendlich viele Ausschlussverfahren durchgeführt: Wir haben nacheinander Milchprodukte weggelassen, dann Nahrungsmittel, die Ei enthalten, dann säurehaltiges Obst, und und und… Dann waren da noch so viele unbekannte Größen: Was genau isst sie im Kindergarten? Welche Süßigkeiten werden ihr zwischendurch von wohlmeinenden Verwandten und Bekannten zugesteckt? Wir haben Lena gelöchert: „Was hast du im Kindergarten gegessen? Was gab es zwischendurch? Was hast du getrunken?“ Lenas Aussagen in diesen Verhören waren letztlich nicht wirklich brauchbar, weil sie sich je nach Laune geändert haben und sowieso immer stark von der Art der Fragestellung abhängig waren. Dieselbe Frage – zwei Fragende, zwei Fragesätze, zwei verschiedene Antworten. Was kann man aber auch anderes erwarten von einer Zweieinhalbjährigen? Abend für Abend dann der frustrierende Blick auf ihre Armbeugen, den Rücken und die Beine. Ab und zu besserte sich Lenas Hautbild ein wenig, und wir glaubten, einen Schritt weiter zu sein, eine mögliche Ursache gefunden zu haben. Und jedesmal kam der Ausschlag dann doch wieder zurück, und wir standen dort, wo wir angefangen hatten.

Irgendwann wurde unsere beharrliche Suche jedoch belohnt, und wir fanden den Übeltäter im Weizen. Endlich sahen wir Licht am Ende des Tunnels, konnten beginnen, Lenas Ernährung gezielt zu beeinflussen. Dabei ist der konsequente Verzicht auf die entsprechenden Lebensmittel gar nicht so einfach. Es ist unglaublich, in welchen Produkten sich Weizen überall versteckt. Brot und Brötchen, klar. Nudeln und Kekse, logisch. Aber Weizen in der Schokolade? Das war mir neu. Richtig kompliziert wird es dann, wenn es um das Mittagessen im Kindergarten geht. Der Blick in die Liste der Inhaltsstoffe, die dem monatlichen Speiseplan beigefügt ist, ergibt ein deprimierendes Resultat: Von 71 Begriffen tragen 35 das Kürzel „f“. „f“ steht für Getreide, und das wiederum, so die telefonische Auskunft des Essenslieferanten, heißt in aller Regel – wer hätte das gedacht – Weizen. Übrig bleiben Eintöpfe, Salzkartoffeln, Langkornreis. Ich habe die Wahl, an den entsprechenden Tagen Essen vorzukochen und Lena mitzugeben oder aber ihr abends eine warme Mahlzeit zu servieren. In jedem Fall ein Zusatzaufwand, den ich eigentlich nicht gebraucht hätte.

Oft genug sind ja auch wir selbst im Alltag unachtsam – bestellen Lena im Restaurant Fischstäbchen, weil wir nicht an die Panade gedacht haben, vergessen, einer Nachbarin Einhalt zu gebieten, die fröhlich eine Schachtel bunte Schokolinsen schwenkt, bevor ihr Inhalt, schwupps, im Kindermund landet. Dann färben sich Lenas Armbeugen innerhalb weniger Stunden wieder feuerrot, und Lena fängt wie wild an zu kratzen. Etwa drei Tage dauert es, bis sich ihre Haut nach einem solchen „Ausrutscher“ wieder erholt hat.

Es ist vermutlich nicht möglich, den Weizen hundertprozentig aus Lenas Ernährung zu verbannen. Bis jetzt haben wir es auch nicht geschafft, den Ausschlag komplett loszuwerden – auch wenn er sich inzwischen nur noch auf die Armbeugen beschränkt, kaum noch sichtbar ist und die meiste Zeit auch keinen Juckreiz verursacht. Wir hoffen, dass die Überempfindlichkeit (oder Allergie oder Unverträglichkeit  oder was es auch immer ist) mit dem Älterwerden von selbst wieder verschwindet. Bis dahin isst eben die ganze Familie abends Dinkel- oder Roggenbrot, und das hat auch seine Vorteile: Es schmeckt wirklich gut, und außerdem hält es länger satt.

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10 Kommentare zu „Der Weizen ist schuld“

  1. Oh ja das kenne ich auch. Die Suche nach dem Übeltäter. Bei uns waren es die Farbstoffe. Raus gefunden durch eine Packung Smarties…. Auch wir waren überrascht wo überall Farbstoffe in den Lebensmitteln sind. Wahnsinn

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    1. Ja, es ist wirklich unglaublich, was in unseren „Lebens“mitteln so alles drin steckt – insbesondere natürlich in Süßigkeiten… Haben die Farbstoffe bei euch auch Hautprobleme verursacht?

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  2. Oh wie wir das kennen!! Unser mittlerweile Vierjähriger leidet seit seiner Geburt an einer Vielzahl von Lebensmittelallergien, die wir durch extrem starke Neurodermitis am ganzen (!!) Körper herausgefunden haben. Bis heute koche ich separat für ihn. Kannst ja mal meinen Bericht darüber lesen: https://mammamiamitzweimaeusen.wordpress.com/2016/02/23/allergische-kinder-mein-erfahrungsbericht-blogparade/
    Viele Grüsse und alles Gute für Euch!!! Claudia

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  3. Liebe Pia,

    da habt ihr ja ganz schön was mitgemacht. Aber umso schöner, dass ihr den Überltäter identifizieren konntet.
    Vielleicht tröstet es Dich ein wenig, dass sich bei den allermeisten Kindern, die Hautkrankheiten haben, diese im Alter „verwächst“. Ich hoffe also schon mal mit euch, dass die Ausschläge bald komplett der Vergangenheit angehören.

    Ganz liebe Grüße,

    Laura

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  4. Oh, deine Worte kommen auch mir so bekannt vor! Weizen wird hier nur minimalistisch vertragen und ich versuche ihn nach und nach vollständig aus dem Alltag zu verbannen. Auch Farbstoffe und Eigelb sind kritisch, auch diese Zusatzstoffe bzw. Allergene meide ich ganz strikt auf dem Speiseplan. Und in Verbindung mit einem Infekt ist der Juckreiz doppelt so schlimm…ich bin bei Naschzeug und Co. seeeehr kritisch. Alles Liebe euch

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    1. Hallo und danke für deinen Kommentar 🙂
      Die Sache hat auch ihr Gutes: Seitdem ich bewusster mit Weizenprodukten umgehe, merke ich auch bei mir selbst, dass es mir besser geht. Zum Beispiel habe ich nach dem Abendessen sehr häufig rote, glühende Ohren bekommen. Das war nicht direkt schmerzhaft, aber ziemlich unangenehm. Ich hätte das vielleicht nie mit der Ernährung in Verbindung gebracht, aber: Seitdem bei uns aber abends kein mit Weizen gebackenes Brot mehr auf den Tisch kommt, ist dieses Symptom komplett verschwunden.

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      1. Das mit deinen Ohren finde ich interessant! Unser Körper sendet uns immer Reaktionen. Bei dem einen sind es die Ohren und ein anderer reagiert noch heftiger mit Neurodermitis…Ich kann Weizen nichts Gutes mehr abgewinnen und vermisse keinen Krümel, ab und zu haben die Kinder Lust auf ein helles Brötchen. Aber auch da schummle ich ein wenig mit Alternativen und der Verzicht tut uns sehr gut. Liebe Grüße

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