Monat neun im Leben zu fünft

Oder: So ein eigener Wille ist doch was Feines


Ein ereignisreicher Monat neigt sich dem Ende zu. Eingeläutet wurde er mit einer entscheidenden Änderung unseres Alltagsrhythmus: Während ich meinen Wiedereinstieg auf Arbeit hatte, startete Phil in der Kinderkrippe durch. Dort klappt bis jetzt alles super, insbesondere, wenn man bedenkt, dass er die Umstellung vier Monate zeitiger als seine Schwestern meistern musste. Phil fremdelt nicht, isst gut und hat – soweit ich das beurteilen kann – Spaß an all dem neuen Spielzeug und den vielen kleinen Menschlein, die dort überall herumlaufen. Nur mit dem Mittagsschlaf hapert es noch ein wenig, wobei das Thema Schlaf ja auch Zuhause nicht immer unproblematisch ist.

Von Montag bis Mittwoch liefere ich nun also drei Kinder im Kindergarten ab. Ab Donnerstag ist dann Papa Zuhause und kümmert sich um Nachwuchs, Garten und – in begrenztem Maß – auch um den Haushalt („Warum ich die Teller nicht in den Geschirrspüler gestellt habe? Ich habe dir doch schon einmal gesagt, dass ich nicht weiß, wo der steht.“)

Phil hat sein erstes Zähnchen bekommen. Und wieder – tut mir leid, mein Kleiner – muss ich das Klischee bestätigen, dass Jungs einfach wehleidiger sind als Mädchen. Oh, das war ja einfach!, denken wir, als sich ganz unversehens die erste Spitze zeigt. Aber nichts da. Die folgenden Tage, die das gesamte Zähnchen benötigt, um durchs Zahnfleisch zu brechen, jammert und weint Phil, was das Zeug hält. Nicht mal auf Mamas Arm ist die Welt in Ordnung – mit der kleinen Ausnahme, dass er sich dort in genau der richtigen Position befindet, um mit weit geöffnetem Mund in Mamas Schulter beißen zu können. Offensichtlich ist diese wesentlich ergonomischer geformt als der eigens für diesen Zweck aus der Versenkung geholte Beißring… Hrmpf. Zwei Zähnchen haben wir bis jetzt geschafft. Ob die Prozedur Phil nun abgehärtet hat für die verbleibenden 18 Beißerchen?

So ganz nebenbei hat Phil auch gelernt, sich selbst hochzuziehen und hinzustellen. Die neu erworbene Fertigkeit nutzt er eifrig, wo auch immer sich ihm die Gelegenheit dazu bietet: Im Laufgitter (an den Stäben), in der Badewanne (an der Brause), an Schränken und Schüben und neuerdings auch am Kühlschrank. Gestern hat sich dessen Tür dabei magischerweise geöffnet – Mama konnte gerade noch die Flasche Himbeersirup aus Phils überglücklich danach greifenden Händchen retten. Seitdem versucht er beharrlich, dieses Erfolgserlebnis zu wiederholen. An Kraft mangelt es ihm dabei keineswegs, der arme kleine Kerl merkt nur nicht, dass Mama ihn sabotiert und oben  die Türen zuhält, weil sie im Geiste schon die rote, klebrige Flüssigkeit auf dem Boden verschüttet sieht.

Im Kontrast zu all diesen Anstrengungen hat Phil seine Fortbewegungstechnik, das Robben, nicht wesentlich weiterentwickelt, seitdem er sie vor einem Vierteljahr erlernt hat. Fast macht es den Anschein, als plante er, das Krabbeln zu überspringen und gleich zum effizienteren Laufen überzugehen. Falls dem so wäre, käme er in dieser Hinsicht ganz nach Mama: Die mag nämlich auch keine Provisorien und wartet lieber etwas länger auf die aufwändige, dafür aber endgültige Lösung.

Die Mahlzeiten gestalten sich bei uns zunehmend, nun ja… krümeliger. Phil sitzt inzwischen im Hochstuhl mit am Tisch. Die veränderte Perspektive hat seine Neugier geweckt auf all die interessanten Dinge, die der Rest der Familie so zu sich nimmt. Deshalb bekommt er nun regelmäßig ein Stück Brot in die Hand, das er nach Herzenslust ergreifen, in den Fingern zerquetschen und anschließend – vorzugsweise noch im Fäustchen befindlich – in den Mund stecken kann. Nun gefällt ihm diese ungemein selbstständige Art der Nahrungsaufnahme sehr viel mehr als die Rolle des passiven Löffel-Empfängers. Das fällt ihm immer dann ein, wenn nach den ersten Löffeln Brei der gröbste Hunger gestillt ist, und er sich wieder in Ruhe auf seine Breiverweigerung konzentrieren kann. Hoffentlich beobachtet mich nie jemand durchs Fenster, wie ich um den Hochstuhl herumtanze, wieder und wieder mit den Lippen „Aaaaaaah“ forme, Grimassen schneide, Tierlaute imitiere und Fahrzeuggeräusche zum Besten gebe – alles nur, um noch einen Löffel in den widerspenstigen Mund zu bekommen.

Die Essensaufnahme ist, wie ich finde, ein klassisches Beispiel dafür, dass sich Phil seines eigenen Willens mittlerweile sehr bewusst ist – und versucht, ihn durchzusetzen. Besonders deutlich wird das auch in Situationen, in denen ihm irgendwer irgendwas wegnehmen will: Dann fängt er nämlich unmissverständlich an zu brüllen. Zum ersten Mal nehmen wir bei unserem Jüngsten wahr, dass er das Weinen vorsätzlich einsetzt: Zur Kommunikation seiner verletzten Gefühle (Jetzt seht mal, was ihr meinem kleinen Baby-Gemüt angetan habt!) und als Methode (Gebt mir lieber schnell das Handy zurück! Oder wollt ihr wirklich riskieren, dass das jetzt so weitergeht?).

Eine weitere Neuerung in diesem Monat: Wir haben Phil aus dem elterlichen Schlafzimmer aus- und ins Kinderschlafzimmer einquartiert. Noch funktioniert das Modell nicht hundertprozentig, aber mindestens eine positive Entwicklung zeichnet sich ab: Phil braucht nachts nicht mehr ständig Milchnachschub. Solange er im Beistellbett geschlafen hat, wurde er aller zwei, drei Stunden wach und hat dann auch ziemlich resolut nach Mamas Brust als Wieder-Einschlafhilfe verlangt. Nun bekommt er die letzte Still-Mahlzeit gegen um elf im Kinderschlafzimmer. Wenn er zwischendurch wach wird, reicht es auf einmal, ihn zu streicheln, damit er wieder einschläft. Insgesamt schläft er länger am Stück und deutlich ruhiger. Apropos Schlaf: Auch Lenas Schlafverhalten hat sich verbessert. Mittlerweile schläft sie die allermeisten Nächte wieder durch. Im Überschwang der Gefühle setzen D. und ich uns das optimistische Ziel, das Projekt „Eine Nacht Durchschlafen für die Eltern“ noch 2016 realisieren zu können 😉

Für mich beginnt nun die schönste Zeit des Jahres. Die Bäume, bei denen Anfang Mai gerade mal die ersten zartgrünen Blattspitzen zu sehen waren, sind nun dicht belaubt. Die Rhododendren stehen in voller Blüte. Die Johannisbeer- und Stachelbeerbüsche hängen voller kleiner Beeren und versprechen bald verlockend reiche Ernte. Immer häufiger spielen die Kinder im Kindergarten bereits draußen, wenn wir früh dort ankommen. T-Shirts und kurze Hosen, flatternde Kleider für die Mädchen, Strohhüte, Sonnenbrillen, Kinderlachen und Fahrradgeklingel, das vom Wind durch die warme Luft getragen wird – ich spüre, wie der Sommer kommt, und genieße es in vollen Zügen.

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Nele zeigt bereits jetzt mehr Interesse für die Gartenarbeit als ich…
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