Wissenschaftlicher Anspruch? Alles Quatsch! (Teil 1)

Ich bin sauer. Ich koche geradezu. Und das nur wegen eines Zeitungsartikels. Dabei weiß ich noch nicht einmal genau, was micht mehr aufregt: Der unfassbar schlechte Inhalt selbst oder die Tatsache, dass ihm auf diese Weise auch noch eine Plattform geboten wird.

„Diät? Alles Quatsch!“, stand  in provokanten Lettern über dem Interview, das am Montag in der Freien Presse veröffentlicht wurde. Ich begann es zu lesen, und mit jedem Wort wurde mein Entsetzen größer.

Herr Uwe Knop, ein Ernährungswissenschaftler, hat offensichtlich ein neues Buch geschrieben, und scheint nun zur Vermarktung deselbigen nach Möglichkeiten zu suchen, seine Meinung unter die Menschen zu bringen. Gut, das sei ihm gegönnt. Beim Thema Ernährung scheiden sich die Geister bekanntermaßen. Es gibt unterschiedlichste Auffassungen darüber, was gut und gesund ist und was nicht. So einen geballten Unsinn, wie Herr Knop dazu geäußert hat, habe ich allerdings selten gelesen. Unsinn, der gefährlich ist, weil er möglicherweise auch noch geglaubt wird. Unsinn, bei dessen Erläuterung ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Gleich das erste Statement, das dem Leser zur Begrüßung entgegenschlägt, lautet:

„[…] es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Zucker dick macht, Fett krank, Rohkost schlank, paleo schön, vegan sexy. Das ist alles frei erfunden. Das sind alles Mythen.“

Die Aussage, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, dass Zucker schadet, ist in dieser Form schlicht und ergreifend falsch. Man muss noch nicht einmal besonders lange suchen, um entsprechende Analysen zu finden. So kommt zum Beispiel eine Analyse der Ernährungsmediziner Jim Mann und Lisa Te Morenga, veröffentlicht im British Medical Journal, zum Ergebnis, dass steigender Zuckerkonsum eine Gewichtszunahme und umgekehrt sinkender Zuckerkonsum eine Gewichtsabnahme zur Folge hat.

Ich werde natürlich nicht so weit gehen, Herr Knop der Lüge zu bezichtigen. Wer weiß schließlich, was genau er unter „wissenschaftlicher Beleg“ versteht. Möglicherweise genügen die Anzahl untersuchter Studien oder die Länge der Studienzeiträume seinen Anforderungen an die Grundlage zur Formulierung von Ernährungsempfehlungen nicht. In diesem Fall muss Herr Knop aber auch fair sein: Wenn es keinen Beweis gibt, dass Zucker nicht schadet, dann gibt es auch keinen Beweis, dass er es nicht tut. Und sollte man in diesem Fall nicht auf den gesunden Menschenverstand vertrauen? Eine derartige Menge an belastenden Indizien, die darauf hindeuten, Zucker sei ein kritisches Nahrungsmittel, sind für mich Grund genug, vorsichtig im Umgang damit zu sein.

Übrigens habe ich – für mich persönlich – eine sehr wohl beweiskräftige Erfahrung im Repertoire: Während meiner Studienzeit habe ich ein halbes Jahr in Großbritannien verbracht. Dort änderte sich mein Essverhalten in gravierendem Maß: Plötzlich nahm ich Unmengen an Zucker und Fett zu mir. Ich aß viel und fettig und spät, wenig Obst und Gemüse, dafür umso mehr Chocolate Biscuits, Treacle Tarts und Rhubarb Crumble. Warum? Weil sich  die allgemeine Ernährungsphilosophie in Großbritannien von der unsrigen unterscheidet. Weil die Supermärkte anders bestückt sind. Weil es Teil der Erfahrung war. Weil es mir Spaß gemacht hat. Weil ich Appetit darauf hatte. Das Resultat: Ich legte in kürzester Zeit etwa 10 Kilogramm Gewicht zu. Sobald ich wieder Zuhause war, verlor ich dieses zusätzliche Gewicht wieder relativ schnell. Meine Gene haben sich in diesen fünfeinhalb Monaten nicht geändert. Aber vielleicht verfügt Herr Knop an dieser Stelle auch über ein weitergehendes Wissen bezüglich durch Auslandsaufenthalte hervorgerufene Genmodifikationen, das mir bis jetzt verborgen geblieben ist.

So, und nun zum zweiten Teil des zitierten Satzes: Wer behauptet denn allen Ernstes, dass Paleo schön macht oder vegan sexy? Es ist natürlich leicht, eine Ansicht erst zu verfremden, dann zu überspitzen und anschließend zu verdammen. Aber halt: Da kommt mir doch eine hervorragende Idee. Warum beginne ich als überzeugter Sportverweigerer nicht endlich damit, gegen die weitere Verbreitung dieser Art der Freizeitgestaltung vorzugehen, und zwar mit dem klangvollen Slogan: „Sport heilt Krebs? Alles Lüge. Ein Mythos!“

So, nun bin ich gerade richtig in Fahrt, aber die Zeit wird knapp… die Tiets müssen aus dem Kindergarten geholt werden, die Wäsche wartet, das Essen will vorbereitet werden. Teil 2 folgt also.

Sämtliche Zitate stammen aus dem Artikel „Diät? Alles Quatsch“, erschienen am 30.05.2016 in der Freien Presse. Wer das gesamte Interview nachlesen möchte, kann das hier tun.

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4 Kommentare zu „Wissenschaftlicher Anspruch? Alles Quatsch! (Teil 1)“

  1. Die Frage ist,ob das Buch auch so ist. Oft werden in solchen Artikeln nur bestimmte Sätze hervorgehoben,die im Buch dann plötzlich ganz anders wirken.

    Als Beispiel kann man da immer das Buch von Sarrazin anbringen worüber sich ganz Deutschland geärgert hat. Sobald man es gelesen hatte,haben alle Aussagen die in den Zeitungen standen eine ganz andere Bedeutung bekommen.

    Die Frage ist,worum geht es in dem Buch? Was steht da drin,wenn nicht Tipps für die Ernährung um abzunehmen. Oder er erklärt er auf was weiß ich wie vielen Seiten, warum Diäten Schwachsinn sind?
    Und seit wann ist vegan eine Diät? Ist das nicht eher eine Entscheidung?
    Und tatsächlich gibt es zig beweise dafür das Zucker schlecht für den Körper ist…

    Und nun bin ich neugierig und will dieses Buch lesen und mich auch aufregen.

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    1. Inwiefern Textauszüge aus dem Zusammenhang gerissen werden und der ursprünglichen Intention gerecht werden oder nicht, ist natürlich immer schwierig zu beurteilen, das ist richtig. Allerdings handelt es sich bei dem beschrieben Artikel ja nicht um die Zusammenfassung eines Fremden, sondern um ein Interview mit dem Autor des Buches. Dadurch hat er die Möglichkeit, sich ganz bewusst für gewisse Formulierungen zu entscheiden. Das Ziel, Aufmerksamkeit zu erwecken, wird dabei sicherlich eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben, ohne dass ich das jetzt per se verurteilen will. Jedenfalls habe ich den Artikel nun verlinkt, um deine Neugier wenigstens ein bisschen zu befriedigen 😉

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  2. Also wenn Kinder angeblich noch intuitiv essen,dann frage ich mich warum es so viele dicke Kinder gibt. Selbst Kinder unter drei Jahren sind schon dick,wenn sie selbst entscheiden dürfen was und wie viel sie essen.

    Ich selbst habe diese Ernährungsphilosophie jahrelang verfolgt und bei nem BMI von 35 würde ich nicht behaupten das mein Körper nach den richtigen Dingen verlangt…

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