Wissenschaftlicher Anspruch? Alles Quatsch! (Teil 2)

Hier kommt nun der gestern angekündigte 2. Teil meiner Kritik zum am Montag in unserer hiesigen Tageszeitung erschienenen Interview mit Uwe Knop.

Als nächstes äußert sich Herr Knop zu Obst und Gemüse, deren Vertreter ihm als Lebensmittel offensichtlich höchst suspekt sind:

„Dabei gibt es nicht einen einzigen Beweis dafür, dass viel Obst und Gemüse gesünder sind als wenig Obst und Gemüse. Vielleicht schadet es dem Körper sogar, viel Rohkost und Fruktose zu sich zu nehmen.“

Dafür, dass Herr Knops bei der Verurteilung gängiger Ernährungstheorien das Argument eines Mangels an Beweisen breitwalzt, ist es mehr als verwunderlich, dass er zur Präsentation der eigenen Thesen Satzkonstruktionen benutzt, die mit „vielleicht“ beginnen.  Und auch hier wieder ist diese Ausführung sehr einseitig: Müsste er nicht im gleichen Atemzug einräumen, dass  Obst und Gemüse genauso „vielleicht“ gesund sind?

„Es gibt keine belegte Korrelation zwischen dick und Zucker, geschweige denn eine Kausalität. […] Auch Formulierungen wie „Zucker kann krank machen“, die man überall in den Studien findet, sind mehr als vage. Und die gezogenen Schlüsse daraus daher reine Märchen.“

Es ist fast schon lustig, wie sehr sich Herr Knop – nachdem er offensichtlich strengste Anforderungen an die Qualität wissenschaftlicher Belege stellt – an einzelnen Formulierungen festbeißen kann. Es ist logisch, dass gewisse Industriezweige mit starken Lobbys kein Interesse haben an der allzu drastischen Darstellung möglicher Gefahren, die von den eigenen Produkten ausgehen. Bestes Beispiel: Zigaretten. Auf deren Umverpackungen finden sich überall Hinweise wie „Rauchen kann tödlich sein“. Ob Herr Knop die schädliche Wirkung von Zigaretten ebenfalls als Märchen abtut, nur weil die Warnungen davor oft im Konjunktiv formuliert sind?

Im weiteren Verlauf des Interviews wird der ambitionierte Autor gefragt, wer seiner Meinung nach an den Ernährungs-Mythen verdiene:

„Das sind zum einen die Lobbyisten von Forschungseinrichtungen, die von solchen Studien profitieren. Sie bekommen dafür Fördermittel. Das ist zum anderen der Staat. […] Profiteure der Mythen sind außerdem die unzähligen Ernährungspäpste, die mit Ratgebern und Kochbüchern über immer neue Ernährungstrends viel Geld verdienen […]“

Da wettert Herr Knop also gegen die verwerfliche kapitalistische Maxime, um jeden Preis Geld zu verdienen. Das ist ja erst mal ganz löblich. Leider hat er dabei wohl völlig vergessen, dass er gerade selbst ein neues Buch auf den Markt gebracht hat, welches er nun mit glanzvollen Interviews wie diesem zu bewerben versucht. Gibt er hier nicht selbst ein Paradebeispiel für das von ihm so verurteilte Gewinnstreben? Der korrekte Ausdruck für dieses Verhalten lautet, glaube ich, scheinheilig.

Ich predige niemandem: Du darfst nur dies oder nur jenes essen. Ich behaupte auch nicht: Wenn du dieses oder jenes weglässt, bleibst oder wirst du schlank, gesund, schön, sexy. Ich empfehle keine Ernährungsform.“

Es ist zwar eine Kleinigkeit angesichts der Flut an aberwitzigen Behauptungen in diesem Interview, und man mag mich vielleicht zu Recht als kleinlich bezeichnen. Der Vollständigkeit halber erwähne ich es aber dennoch: Der letzte Satz entspricht ganz und gar nicht der Wahrheit. Natürlich empfiehlt er eine Ernährungsform. „Essen Sie nur, was Ihnen gut schmeckt.“ Der Slogan ist abstrus, er ist unvernünftig, er ist potentiell gesundheitsschädlich – aber er stellt eindeutig eine Empfehlung dar. Selbstverständlich sehe ich ein, dass „Ich empfehle keine Ernährungsform“ wesentlich werbewirksamer klingt.

Im Anschluss wird Herrn Knop die Frage gestellt, ob nicht auch die Lebensmittelindustrie an Essenstrends verdiene. Er antwortet wie folgt:

„Schon. Aber die Hersteller und der Handel sind nur Trittbrettfahrer. Sie reagieren zwar auf Trends, erfinden diese aber nicht. Klar freuen sich Produzenten darüber, dass fleischlose Kost im Trend liegt. Mit Ersatzprodukten lässt sich viel Geld machen, vegane Fleischwurst ist fast doppelt so teuer wie echte Wurst, obwohl sie zusammengeklaubter Mist ist. Aber die Lebensmittelunternehmen produzieren, und die Handelskonzerne verkaufen nur, was die Leute wollen.“

Auch das ist ein höchst interessanter Abschnitt. In Sachen Proftigier holte Herr Knop zum Rundumschlag gegen Forschungseinrichtungen, Staat und Kochbuchautoren aus. Dass die Ernährungsindustrie ganz ähnliche Motive haben könnte, bestätigt er dagegen nur mit einem sehr zögerlichen „schon“. Ja, durch die Bezeichnung „Trittbrettfahrer“ enthebt er sie fast der Verantwortung. An dieser Stelle sollte man wissen, dass Herr Knop selbst seit Jahren als PR-Berater für die Ernährungs-, Medizin- und Pharmabranche tätig ist. Und was tun PR-Berater? monster.de fasst es sehr treffend zusammen: „PR-Berater sind bezahlte Interessenvertreter“. Das heißt im Klartext: Herr Knop wird bezahlt dafür, die Interessen der Ernährungs-, Medizin- und Pharmabranche zu vertreten. Und schon erscheint sein Mantra „Iss, worauf du Appetit hast“ in einem ganz anderen Licht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wir nähern uns dem Höhepunkt der geistigen Ergüsse des Herrn Knop. Er beschreibt sein eigenes Essverhalten („Ich entscheide nur nach zwei Kriterien: Schmeckt mir. Und schmeckt mir nicht.“) und gibt sich selbstbewusst:

„Ich weiß ja, mein Körper wird mich nicht austricksen – warum sollte er das wollen, sein Ziel ist ja, dass er weiter gut funktioniert. […] Das sehen Sie an Kindern. Die essen noch intuitiv, hören noch zu 100 Prozent auf ihren Körper, weil sie noch nicht von der ganzen Ernährungspropaganda verseucht worden sind. […] Aber letztendlich entscheidet sich ein Kind nicht dauernd für ein Nahrungsmittel, weil es die Werbung dafür gesehen hat, sondern weil sein Körper genau dieses Nahrungsmittel braucht – also eben nicht nur Süßes und Fettiges. Ich nenne das intuitives Essen.“

Eigentlich müsste schon die Wortwahl zu denken geben. Hetzbegriffe wie „Propaganda“ und „verseucht“ hätte ich in einem Beitrag, der einen wie auch immer gearteten wissenschaftlichen Anspruch hat, nun nicht gerade erwartet. Zumal sich Herr Knop im vorherigen Verlauf des Gesprächs die größte Mühe gegeben hat, das hohe Niveau seiner Ausführungen mit einer möglichst häufigen Verwendung von Begriffen wie „Evidenz“, „Korrelation“ und „Kausalität“ unter Beweis zu stellen. Konzentrieren wir uns jetzt auf den Inhalt seiner Aussage: Die Behauptung, der Körper würde nur das verlangen, was ihm auch gut tut, ist in Zeiten eines rapiden Anstiegs von Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes derart lächerlich, dass man sich schon fast fragen muss, ob der Autor sie tatsächlich ernst meint – oder nur einen absurden Sinn für Humor hat.

Und dann frage ich mich, ob Herr Knop selbst Kinder hat. Ich tippe auf ein Nein. Falls doch, lade ich ihn herzlich dazu ein, seine These am eigenen Nachwuchs auszuprobieren und ihn alles essen zu lassen, was er möchte und wann er möchte. Das wäre auch eine gute Gelegenheit für ihn, den Einfluss der Werbung auf Kinder zu erforschen. Seine Lehrmeinung legt ja nahe, dass sie ziemlich resistent gegen die Verlockungen von Süßwarenregalen vor Supermarkt-Kassen oder über den Bildschirm flimmernde überdimensionale Schokoriegel sind. Ich würde mir nur wünschen, bei diesem Experiment dabei zu sein…

Nein, im Ernst: Herr Knop hat vor allem eins nicht verstanden: Dass die von ihm gewählte Thematik nicht schwarz-weiß ist, und also auch nicht als solche behandelt werden kann. Stattdessen verdammt er wahllos verschiedene mehr oder weniger populäre Ernährungstheorien, ohne auch nur den Ansatz einer Diskussionsfähigkeit erkennen zu lassen. Ja, natürlich, auch in punkto Ernährung – wie bei so vielen anderen Dingen – gibt es keine Ideallösung, die für alle Personen in allen Lebenssituationen gleichermaßen zutrifft. Ja, es gibt die unterschiedlichsten Ernährungskonzepte, und nicht alle müssen sinnvoll sein. Ja, vegetarisch und vegan und paleo mögen zu Teilen Trendcharakter haben. Aber letztendlich sind es Trends, die davon zeugen, dass die Gesellschaft sich zunehmend mit der Thematik Ernährung auseinander setzt. Und das ist relevant, das ist sogar extrem wichtig. Auseinandersetzung bedeutet im Übrigen nicht automatisch „Angst vorm Essen“ zu entwickeln. Auseinandersetzung ist die grundlegende Voraussetzung für vernünftige Entscheidungen.

In welcher Welt leben wir eigentlich, in der eine – möchte man zumindest meinen – renommierte Tageszeitung derartige Interviews kommentarlos abdruckt? Pressefreiheit hin oder her, Medien haben auch  eine gewisse Verantwortung. Sich zum Instrument einer Marketingkampagne machen zu lassen und dabei Halbwahrheiten und vulgarisierende Devisen zu propagieren, ist alles andere als verantwortungsvoll. Gerade und insbesondere dann, wenn es um das körperliche Wohl von Kindern geht. Und ja: Ich sehe die Gesundheit von Kindern gefährdet, wenn dazu aufgerufen wird, sie prinzipiell essen zu lassen, was und wieviel sie wollen. Wenn ich die Freie Presse abonniert hätte, würde ich mir spätestens jetzt ernsthaft überlegen, dieses Abonnement zu kündigen. Habe ich aber nicht, und so bleibt mir nur, verständnislos und frustriert den Kopf zu schütteln über eine derartig unheilvolle Berichterstattung.

Sämtliche Zitate stammen aus dem Artikel „Diät? Alles Quatsch“, erschienen am 30.05.2016 in der Freien Presse. Wer das gesamte Interview nachlesen möchte, kann das hier tun.

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