Monat zehn im Leben zu fünft

Oder: Mein Kumpel, der Staubsauger


Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht (Nicht minder unglaublich ist es, wie oft ich diesen Satz schon von mir gegeben habe, seitdem ich Kinder habe). In nur zwei Monaten feiern wir Phils ersten Geburtstag. Davor steht Lenas dritter Geburtstag an, und nur wenige Wochen später wird Nele fünf Jahre alt. Damit haben wir bald die kumulierte Energie von 9 Jahren Kleinkind im Haus…

Aber halt, nun bin ich es, die der Zeit vorauseilt. Jetzt genießen wir erst mal den Frühsommer. Als der Juni uns einige richtig heiße Tage beschert, können wir endlich das Planschbecken aufzustellen. Während sich bei Nele und Lena der Spaß am Wasser erst mit der Zeit entwickelt hat, liebt Phil das nasse Element schon seit seiner Geburt. Als die Mädchen in den Pool steigen, kann er den Blick gar nicht von ihnen wenden. Wir deuten seinen Gesichtsausdruck richtig: Als er auch mit hinein darf, kennt die Freude unseres Jüngsten keine Grenzen. Er robbt quer durchs Wasser, lehnt sich über den biegsamen Gummriand, so weit er kann, um einen Grashalm zu erhaschen, drückt sich das bunte Badespielzeug glücklich an die Brust, das ihm seine Schwestern fürsorglich entgegenstrecken, nur um es dann voller Freude wieder zurück ins Wasser zu schmeißen. Als wir ihn rausholen wollen, weil er zu frieren beginnt, wehrt er sich schreiend und jammernd dagegen. Seit diesem ersten erfolgreichen Ausflug ins Planschbecken bleibt Phils Blick jedes Mal, wenn es in Sichtweite ist, sehnsüchtig daran hängen. Wenn die Terrassentür offen steht, müssen wir ganz schön aufpassen: Phil bekommt es mit, egal wo er sich gerade befindet, und dann geht es mit einer unfassbaren Geschwindigkeit hin zur Schiebetür, über die Schwelle, raus aus der Küche und los Richtung Pool.

Apropos Geschwindigkeit: Da habe ich noch letzten Monat berichtet, dass Phil keine Anstalten macht, seine Fortbewegungstechnik zu verfeinern. Und schwupps, ein paar Tage später kann ich im Garten verblüfft beobachten, wie Phil in aller Selbstverständlichkeit durchs Gras krabbelt. Krabbelt, nicht robbt. An anderer Stelle fällt er ins Robben zurück… und kurze Zeit später krabbelt er wieder. Es dauert eine Weile, bis ich das System verstanden habe: Phil  fängt immer dann an zu krabbeln, wenn ihm der Untergrund suspekt ist: Das ist meist draußen der Fall – auf steinigen Wegen, auf Erde oder eben auf Gras. Im Innenraum, auf den vertrauten glatten Fliesen oder der Auslegware, bevorzugt er weiterhin das Robben.

Parallel dazu übt Phil fleißig die Fortbewegung auf zwei Beinen. Er läuft an allen in babygerechter Höhe ausgeführten Objekten entlang, die das Haus hergibt. Er überwindet kürzere Distanzen zwischen zwei derartigen Objekten, ohne dass er zwischendurch auf die Knie gehen muss. Im Laufgitter zieht er sich hoch, konzentriert sich, lässt mit den Händen plötzlich die Stäbe los, wedelt mit den Armen, um die Balance zu halten, und ergreift dann in letzter Sekunde jauchzend vor Freude wieder die Stäbe, bevor er umfällt.

Von Zwei-Silben-Wörtern, die einschlägige Ratgeber, Eltern-Zeitschriften und -Newsletter für den zehnten Lebensmonat prophezeien, ist Phil indessen noch weit entfernt. Sein einziges bewusst artikuliertes Wort ist  „da“, und wir bekommen es ausschließlich bei seinem Lieblingsspiel zu hören. Die Regeln sind einfach: Phil reicht dem ausgewählten Spielpartner einen Gegenstand. Dieser muss ihn an sich nehmen, dabei „Danke“ sagen und Phil den Gegenstand dann unverzüglich mit einem ebenso artig vorgetragenen „Bitte“ zurückgeben. Das Hin und Her fasziniert den kleinen Mann ungemein. Dabei beweist Phil große Ausdauer, und genau so lange wiederholt er auch fortwährend „Da-da-da…“ Das war es dann aber auch von seiner Seite aus an Eloquenz. Wir können also festhalten, dass Phil vorerst weiter dem Junge-Bewegung-Mädchen-Sprache-Klischee folgt.

Auch bei Lena herrscht Umbruchsstimmung: Im August wechselt sie von der Krippe in den Kindergarten. Zur Eingewöhnung darf sie schon jetzt immer wieder im neuen Gruppenzimmer oder mit den Großen draußen spielen. Äußerlich merken wir ihr keinerlei Aufregung an, nur ab und zu lässt sie nebenbei einen lapidaren Kommentar fallen wie „Ich bin jetzt schon groß“. Aber wir haben ja sowieso die Erfahrung gemacht, dass Lena emotionaler Stress oberflächlich kaum anzumerken ist, sie ihn vielmehr mit in den Schlaf nimmt. Wir drücken also die Daumen, dass sie der Wechsel in den Kindergarten tatsächlich nicht weiter beeindruckt und die derzeitige entspannte Schlafsituation bei ihr anhält.

Ach ja, und dann hat Phil natürlich noch eine ganz spezielle Freundschaft geschlossen. Und zwar mit unserem Staubsauger. Egal, wo er sich gerade befindet, Phil sucht seine Nähe. Unermüdlich klettert er darauf und darüber, schiebt ihn als  Lauflernwagen vor sich her oder kämpft mit dem Staubsaugrohr. Noch besser ist es natürlich, wenn sein Kumpel angesteckt und eingeschaltet wird: Dann wirft Phil sich glücklich auf die Lüftungsöffnung, betätigt die Knöpfe und beobachtet fasziniert den jeweiligen Effekt, den das zur Folge hat. Aus, an, aus, an, Saugkraft niedriger, noch niedriger, ganz niedrig… Die Effizienz des Staubsaug-Vorgangs in unserem Haushalt hat seitdem wesentlich abgenommen.

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