Urlaub auf Rügen: Sellin 2016

In der letzten Juli-Woche ist es soweit: Wir fahren in den Urlaub. „Wir“ sind in dem Fall meine Mutti, die Kinder und ich. D. hält inzwischen Zuhause die Stellung, geht auf Arbeit, frönt ungestört seiner Gartenarbeit und nutzt die Gelegenheit, das erste Mal seit Jahren mehrere Tage hintereinander ausschlafen zu können.

Tag 1: Die Anreise klappt entgegen unseren Befürchtungen erstaunlich gut. Phil verschläft fast die gesamte Fahrt. Wir legen eine einstündige Pause ein, danach können wir, unbehelligt von Verkehrsstörungen oder Kinderjammern, bis nach Rügen durchfahren. Erst auf der Insel geraten wir in stockenden Verkehr. Weil die Tiets unruhig werden, machen wir in Bergen noch einmal Halt. Dort essen wir eine Kleinigkeit und kaufen Lebensmittel ein. Eine gute Stunde später sind wir am Ziel: Seedorf bei Sellin, ein Urlaubsörtchen, das – wie der Name vermuten lässt – an einem See liegt und nur aus einer einzigen Straße zu bestehen scheint, an die sich dicht an dicht die Ferienwohnungen drängen. Ein Bäcker, zwei Bushaltestellen und zwei Restaurants komplettieren die Szenerie, die sich so sehr gar nicht von unserem heimatlichen Ort unterscheidet… Na gut, einen Hafen haben wir nicht. Unsere Unterkunft ist eine gepflegte, nett eingerichtete Maisonette-Wohnung. Die Mädchen richten sich in der oberen Etage sogleich ihr eigenes Reich ein, und Mutti und ich werden die kommenden Tage vollauf damit beschäftigt sein, Phil davon abzuhalten, die Wendeltreppe zu erklimmen.

Tag 2: Bei grandiosem Urlaubswetter machen wir uns vormittags auf, den Hauptstrand von Sellin zu erkunden. Nele und Lena sind begeistert vom Strand, trauen sich aber zunächst nur, die Füße ins Wasser zu halten. Nach dem Mittagessen fahren wir erneut nach Sellin, diesmal mit dem Bus – seitdem hat der öffentliche Nahverkehr mindestens zwei Fans mehr. Wir spazieren über die Seebrücke, statten der Kurverwaltung einen Besuch ab und machen anschließend einen ausgedehnten Halt an einem der vielen Spielplätze.

Tag 3: Heute ist der Selliner Südstrand an der Reihe. An Omas Hand trauen sich Nele und Lena nun schon weiter ins Wasser. Anschließen bauen die beiden Sandburgen – naja, Bürgchen. Am Nachmittag lösen wir eine Fahrkarte für den Rasenden Roland und dampfen nach Göhren und gleich wieder zurück. Der Weg ist das Ziel: Die Fahrt ist unerwartet gemütlich, wobei ich den Verdacht habe, dass die Kinder so eine echte Dampflokomotive nicht wirklich zu schätzen wissen.

Tag 4: Wieder geht es an den Südstrand, den wir im direkten Vergleich der beiden Selliner Strände zum Favoriten auserkoren habem. Es ist kühl und bedeckt, deswegen werden heute nur Muscheln gesammelt. Wir haben keine Wechselsachen dabei – etwas naiv ermahne ich die Mädchen, dass die Kleidung trocken bleiben muss. Nele und Lena rennen quiekend am Wasser entlang, und es dauert keine fünf Minuten, da muss ich ihnen die nassen Hosen ausziehen. Gegen Mittag kommt die Sonne raus, es wird deutlich wärmer. Zurück am Strand hüpft Nele mit Oma über die Wellen, Lena rennt den Möwen hinterher in dem vergeblichen Versuch, eine von ihnen zum Streicheln zu finden und Phil inspiziert in männlicher Technik-Neugier das Motorboot der Rettungsschwimmer.

Tag 5: Es sieht nach Regen aus. Für heute steht das Kindertheater „Petterson und Findus“ auf dem Programm. Wärend Oma mit den Mädchen die Vorstellung besucht, gehe ich mit Phil spazieren. Ich habe die Hoffnung, dass er im Buggy einschläft, was mir die ersehnte Gelegenheit geben würde, endlich mal zum Lesen zu kommen. Es beginnt zu tröpfeln. Phil schläft tatsächlich ein. Seine süßen Baby-Augen bleiben eine Viertelstunde geschlossen, in etwa so lange, wie ich brauche, um eine überdachte Bank zu finden. Dann ist er wieder wach, und das Buch muss in der Tasche bleiben. Den Nachmittag verbringen wir bei strömenden Regen in der Ferienwohnung.

Tag 6: Heute bleibt es trocken. Es ist nicht besonders warm, trotzdem nutzen wir die letzte Gelegenheit, noch einmal an den Strand zu gehen. Nele, Lena und Phil widmen sich mit Begeisterung dem Wasserball; auch ich muss mich am Spiel beteiligen. Glücklicherweise sind die Tiets noch zu klein, um Mamas Mangel an Wurfgeschick zu erkennen. Am Nachmittag fahren wir mit dem Schiff von der Selliner zur Göhrener Seebrücke. Als unsere kleine Kolonne mit drei Kindern und Buggy beladen das Deck betritt, werden wir von den anderen Passagieren abschätzig beäugt. Die Reaktion steigert sich zu offener Missbilligung, als deutlich wird, dass die Mädchen nicht vorhaben, still und wortlos auf ihrem Platz sitzen zu bleiben und auch Phil mitten im Gang auf Entdeckungstour geht. Erst als Lena einschläft und somit keine Gefahr mehr für Ruhe und Erholgung unserer Mitmenschen darstellt, tauen einige von ihnen auf und die Blicke werden freundlicher. Lena ist übrigens in einen komatösen Schlafzustand gefallen, aus dem wir sie bis zum Ende der Überfahrt nicht mehr wecken können. So müssen wir sie an Land tragen. Mit dem Rasenden Roland geht es wieder zurück nach Sellin.

Tag 7: Weil ganztägig Regen angekündigt ist, ziehen wir die Abreise um einen Tag nach vorn. Gepackt haben wir bereits am letzten Abend. Nach einem schnellen Frühstück räumen Mama und Oma die Küche auf, während Nele und Lena fasziniert das erste Mal im Urlaub in den Fernseher starren. Dann geht die Fahrt los. In Stralsund machen wir einen Zwischenstopp, weil wir noch einen Abstecher ins Ozeanum machen wollen. Scheinbar sind wir nicht die Einzigen, die diesen Gedanken haben: Die meterlange Schlange vor dem Eingang belehrt uns eines Besseren; wir suchen uns einen Platz zum Mittagessen und steigen dann wieder ins Auto. Mit nur einer weiteren Pause und ohne Stau kommen wir zügig voran. Kurz hinter der sächsichen Grenze werden die Kinder ungeduldig, und die letzten hundert Kilometer in der Fahrgastzelle sind nervenzehrend. Gegen um acht Uhr abends sind wir wieder Zuhause, wo uns D. schon sehnsüchtig erwartet und überglücklich in die Arme schließt.

Ein klassisches Urlaubstagebuch – klingt doch eigentlich großartig, oder?

Wäre es vielleicht auch gewesen, wenn da nicht die irritierende und gänzlich unerwartete Tatsache gewesen wäre, dass meine Kinder für die Dauer des Urlaubs zu Monstern mutiert sind. Und das meine ich nicht liebevoll. Die Tiets haben sich ungezogen, frech und in jeder Hinsicht nervtötend verhalten – und das gefühlt die gesamten etwa 16 Stunden ihres täglichen Wachzustands. Phil klammere ich jetzt mal aus; er ist ein Baby und die Bedeutung des Wortes „Nein“ wird sich ihm wohl erst im zweiten Lebensjahr erschließen. Aber Nele und Lena kennen und verstehen die Regeln. Normalerweise.

Ich habe die beiden nicht wiedererkannt – und ich bin einiges gewöhnt. Streitereien, Gezicke, Geschrei, Wutanfälle, Trotzreaktionen… Das ganze Programm. Selbstredend verliefen auch die Nächte katastrophal. Abends saßen Mutti und ich im Flur und genossen die ersten ruhigen Minuten des Tages – leise, ständig in Furcht davor, dass eines der Kinder aufwachen könnte. Wir tranken unser Bier, aßen Unmengen an Frustschokolade, verstanden die Welt nicht mehr und diskutierten die Gründe. Die Mädchen hatten sich doch so gefreut auf die Ostsee. Wir Erwachsenen waren doch entspannt. Wir gaben uns doch jede Mühe, nicht allzu streng zu sein. Wir versuchten es doch mit Geduld – jeden Tag auf’s Neue. Wir nahmen uns doch viel Zeit für die Kinder, viel mehr, als es im Alltag Zuhause je möglich wäre – Himmel, die Tiets waren überhaupt erst der Grund für diese Fahrt. Warum also benahmen sie sich plötzlich wie wildgewordene Raubsäue???

Sowie wir wieder Zuhause waren, war der Spuk vorbei: Die Mädchen wurden wieder zahm, reduzierten ihre Streitigkeiten auf das normale Maß und schenkten den elterlichen Äußerungen die übliche Aufmerksamkeit. Die patzigen Antworten, die im Urlaub an der Tagesordnung waren, verschwanden genauso plötzlich aus dem Sprachrepertoire, wie sie da hineingeraten waren. Nach zwei Nächten erinnerte auch Phil sich daran, dass dem unvermeidlichen nächtlichen Aufwecken wenigstens ein zeitnahes Einschlafen folgen darf.

Wie lautet nun also das Fazit nach meinem ersten Urlaub seit … ich muss kurz überlegen… 14 Jahren? Es ist ein bisschen so wie nach der Geburt: Die letzte Wehe ist vorüber, und während man verzückt das kleine Wesen auf der Brust streichelt, denkt man: Gut, dass ich hier lebend rausgekommen bin. Das mache ich ja sowas von nie wieder! Zwei Wochen und einen nicht unerheblichen Verlust an detaillierten Erinnerungen später kann man sich bereits eine Wiederholung vorstellen. Wer weiß, im Herbst wälze ich vielleicht bereits Propekte aus dem Reisebüro 😉

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