Happy Birthday, mein Kleiner.

Weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist? Du wirst heute ein Jahr alt, mein kleiner Mann. Heute sind es genau 365 Tage, die du bei uns bist, um unsere Familie zu komplettieren.

Aber natürlich ist dir das noch völlig egal. Zahlen bedeuten dir nichts. Deine Welt besteht aus Formen, aus Farben, aus Gerüchen und Geräuschen und Geschmacken: Hier ein runder gelber Ball, der über grünes Gras rollt, dort ein Steinchen, das klackernd über den Boden hüpft, und da, oh, ein weicher, roter, nasser, süßer Würfel, den Mama dir schnell in den Mund steckt, und den alle immer „Melone“ nennen. Du hast für alles Augen und Ohren, aber das Paket mit bunten Bausteinen, das gerade heute mitten in der Küche steht, interessiert dich wenig. Wo bleiben denn deine Schwestern, denkst du, die sind doch sonst früh immer mit hier? – und krabbelst schnurstracks wieder raus aus der Küche, um nach ihnen zu suchen.

Ich kann mich gut an die letzten Tage vor deiner Geburt erinnern. Ich habe jeden einzelnen davon genossen, habe mich über jede Stunde gefreut, die du länger in meinem Bauch bleiben wolltest. Und das lag nicht nur an dem halb scherzhaften Wunsch, mit dem den dein Papa und ich dich ständig geneckt haben. Wir dachten nämlich, dass du dir noch Zeit bis September lassen und deinen errechneten Termin damit um 14 Tage überziehen würdest… Aber der wichtigste Grund war, dass mir nur allzu bewusst war, dass es meine letzte Schwangerschaft sein würde – das letzte Mal, dass ich einen dicken Bauch vor mir hertragen würde, das letzte Mal, dass ich darin zarte Stupser und kräftige Tritte spüren würde, das letzte Mal, dass neues Leben in mir heranwachsen würde.

Du hast toll mitgespielt. Du hast es mir gegönnt, die Zeit in vollen Zügen auszukosten. Aber bei der Wahl des Geburtsdatums hattest du dann doch andere Vorstellungen. Rein zahlenmäßig wolltest du dich so gar nicht in die Familienkonstellation einfügen:  Du hast dir einen Monat herausgesucht, der schon belegt war, einen zweistelligen Tag – und der war dann auch noch ungerade. Du wolltest uns wohl damals schon zeigen, dass jetzt, mit dir, alles anders wird.

Wenn ich dich Augen schließe, sehe ich mich genau hier in der Küche stehen, das Frühstück für deine Schwestern vorbereitend, wobei ich immer wieder innehalten und durchatmen musste, weil die Wehen schon in recht kurzen Abständen kamen. Meine Hebamme hatte uns darauf vorbereitet, dass beim dritten Mal alles sehr schnell gehen könnte. Deswegen haben wir uns beeilt, ins Krankenhaus zu fahren. Und dort hast du dir dann doch noch mal ganz schön viel Zeit gelassen. Als es richtig losging, durchzuckte mich der Gedanke, dass ich das nicht noch mal schaffen würde. Ich bekam es ein bisschen mit der Angst zu tun. Aber zum Glück ist dein Papa nicht von meiner Seite gewichen, hat mich getröstet und mir Kraft gegeben, und zum Glück hat mir die Hebamme mit ihrer Ruhe und Erfahrung den Weg gewiesen. Irgendwann war da nur noch der Gedanke an dich: Wie würdest du wohl aussehen? Dunkle oder blonde Haare? Deinen Schwestern ähnlich oder ganz anders?

Und dann warst du plötzlich da. Die Gefühle haben mich überrollt, als du mir auf die Brust gelegt wurdest. Ich habe deine weiche Haut gestreichelt, die noch ganz runzlig war, habe deinen süßen Neugeborenen-Duft gerochen, deinen ersten schniefenden Lauten gelauscht. Es war dieser Moment, in dem ich glaubte, vor Glück zerspringen zu müssen. Das war dein erstes, dein vielleicht größtes Geschenk an mich.

In aller Selbstverständlichkeit hast du deinen Platz in unserer Familie beansprucht, als wäre es nie anders gewesen. Auf einmal waren wir zu fünft, und es war von Anfang an, als müsste alles so sein.

Die letzten zwölf Monate vergingen wie im Flug. Vom kleinen hilflosen Bündel, das wir in unseren Armen gewiegt haben, ist nicht mehr viel zu merken. Du bist rasant gewachsen, was auch an dem kräftigen Appetit liegt, den du bis heute nicht verloren hast. Du hast schnell gelernt, deine Kuscheleinheiten selbst einzufordern, und es bereitet dir riesengroße Freude, dass zu tun. Du bist ein fröhliches Kind. Dein niedliches Grinsen, das vom einen Ohr bis zum anderen reicht, steckt an. Du bist schnell und unheimlich mobil, und Mama und Papa sehen voller Stolz, wie geschickt du die Welt um dich herum eroberst. Wenn auf deinen Entdeckungstouren etwas schief läuft und du hinfällst oder irgendwo herunterkullerst, bist du ziemlich tapfer. Du weinst meist nur kurz, bevor es weiter gehen kann.

Was du aber gar nicht leiden kannst, ist, wenn du allein gelassen wirst. Wenn deine Schwestern, die eben noch mit dir gespielt haben, einfach aus dem Zimmer gehen und du nicht hinterher kannst. Wenn Papa, der dich eben noch so schön auf dem Arm getragen hat, dich einfach auf dem Boden absetzt. Oder wenn Mama abends versucht, dich ins Bett zu legen, ohne dass du dich vorher noch mal an ihre Brust kuscheln durftest. Das ist überhaupt das Allerschlimmste. Dann fängst du an zu weinen, und zwar herzzerreißend, und nichts kann dich trösten, bis du endlich wieder auf den Arm genommen und ganz fest gekuschelt wirst, bis du dein Gesicht an unserem vergraben und dich auf diese Weise versichern kannst, dass sie noch da ist: Unsere unendliche Liebe zu dir.

Wir freuen uns auf das nächste Jahr mit dir. Wir freuen uns darauf, an einer Seite zu sein, mit deinen Augen die Welt zu erblicken, von deinem Entdeckerdrang mitgezogen zu werden, deine Fortschritte zu erleben und deine Gefühle zu teilen. Bei allem, was kommt, sollst du eines wissen: Wir werden immer für dich da sein. Wir lieben dich so sehr. Happy Birthday, kleiner Phil.

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