Stillen – eine Ode

Gerade hat mich mein E-Mail-Postfach darauf hingewiesen, dass das Frankfurter Würstchen einen neuen Post veröffentlicht hat. Ich mag diesen Blog sehr, weil er lebensnah, treffsicher und witzig ist. Ich klicke also den Link an. Schon der Titel lässt vermuten, dass es darin ums Stillen geht. Ich vertiefe mich in die Lektüre. Wie immer ist der Text gut geschrieben, ehrlich und mit einer guten Portion Humor. Aaaaber: So einfach kann ich das nicht stehen lassen.

Warum? Weil ich dazu eine gänzlich andere Meinung habe. Und weil es mich ärgert, wie häufig in letzter Zeit solche und ähnliche Beiträge zu lesen sind, die immer nur einen Tenor haben: Stillen ist eigentlich ganz mies – im besten Fall lange nicht so gut wie immer behauptet, im schlimmsten Fall die pure Hölle. Ja, ich gebe zu: Ich fühle mich auch persönlich ein bisschen angegriffen, weil ich gern gestillt habe und es immer als eine der schönsten Begleitumstände zum Gesamtpaket Baby betrachtet habe. Deswegen muss ich einfach eine Lanze für das Stillen brechen und an dieser Stelle eine Gegendarstellung anführen.

In Foren und Blogs ist das Stillen ist seit gefühlten Ewigkeiten ein Streitpunkt. Es stellt scheinbar eines dieser Themen dar, bei denen es immer nur Schwarz oder Weiß gibt – Stillen ist toll, Stillen ist furchtbar. Keine Abstufungen dazwischen. Mir geht es ja eigentlich ganz genauso: Ich bin zu hundert Prozent überzeugt davon und habe (fast) jede Minute der vielen, vielen Stillmahlzeiten meiner drei Kinder genossen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, zähle ich auch zu denen, die es nicht so richtig verstehen, warum so viele Mütter ihre Kinder nicht stillen. Obwohl das Argument sicherlich ausgelutscht ist, es gehört nun mal zu dieser Diskussion: Die Natur hat sich etwas gedacht bei der ganzen Geschichte. Stillen ist ein jahrtausendealtes, erprobtes Konzept, und es will mir einfach nicht in den Kopf, dass es so einen enormen Prozentsatz von Müttern gibt, bei denen es von Natur aus nicht funktioniert.

Ich glaube gern, dass es diesen enormen Prozentsatz gibt, bei dem es in der Realität nicht funktioniert. Ich glaube den Müttern, die von schlechten Erfahrungen berichten, von blutigen Brustwarzen, hungrigen Kindern, durchwachten Nächten. Ich glaube ihnen und ich glaube ihnen, dass es furchtbar ist. Ich denke aber auch, dass es nicht zwingend so laufen muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass all diese Mütter nur die Wahl zwischen dem Beenden des Stillens oder der Fortführung der Qual haben. Irgendetwas läuft da schief – und das ist ganz sicher nicht die Schuld der Mütter!

Woran liegt es dann aber, dass das Stillen so häufig für Frust und Stress und Tränen sorgt? Klar, erwischt, darauf habe ich natürlich keine Antwort. Ich könnte vermuten, dass häufig die falsche Anlegetechnik ein Problem ist. Ich selbst war in dieser Hinsicht auch ab und zu nachlässig und habe dann prompt die Quittung in Form schmerzender Brustwarzen bekommen. Als ich danach ein, zwei Tage sehr genau darauf achtete, wie ich das Baby anlege, hat sich das aber jedesmal wieder von selbst gegeben. Wie gesagt: Ich könnte vermuten – aber mehr will und kann ich nicht dazu sagen. Ich bin weder Hebamme noch Arzt noch selbsternannter La Leche Liga-Experte, und die betroffenen Mütter mit pauschalen Behauptungen zu beleidigen ist das Letzte, was ich möchte.

Ich selbst habe mir, ehrlich gesagt, nie viele Gedanken darum gemacht. Bei der ersten Schwangerschaft bin ich völlig unbedarft an die Sache herangegangen: Schwangerschaft, Geburt, Baby, Stillen – wird schon irgendwie, haben Millionen Frauen vor mir ja auch geschafft. Nun ja, hinsichtlich der Geburt hat mich die Realität ziemlich unsanft eingeholt. Aber was den Rest angeht, bin ich ziemlich gut mit dieser Einstellung gefahren.  Ich bin von vornherein davon ausgegangen, dass das mit dem Stillen klappen muss, weil es eine ganz natürliche Sache ist. Mir ist gar nicht in den Sinn gekommen, dass es da irgendwelche Probleme geben könnte. Das hatte den großen Vorteil, dass ich mich selbst jeder Art von Erwartungsdruck entzogen habe. Und ich kann aus vollstem Herzen sagen: Es stimmt nicht, dass Stillen am Anfang die Hölle ist. Es kann passieren, dass Stillen am Anfang die Hölle ist – aber das muss es nicht. Und das ist ein großer Unterschied. Frauen, die gerade das erste Mal schwanger sind, oder solche, die mit dem Gedanken liebäugeln, es irgendwann mal zu werden, werden durch solche Sätze doch nur abgeschreckt. Und dadurch werden auch diese Aussagen zu einem der vielen Rädchen in der Maschinerie, die die öffentliche Meinung prägt und den Druck erzeugt, der soviel Schaden anrichtet.

Falls das jetzt nicht klar genug herausgekommen ist: Ich möchte Mütter nicht verurteilen, die nicht stillen, und schon gar nicht die, die es unter Schmerzen tun. Ich bin mir absolut bewusst, dass es die individuelle Entscheidung jeder einzelnen Mutter ist, wie sie ihr Kind ernährt, und ich respektiere das. Ich würde nie auf die Idee kommen, eine Mutter öffentlich oder privat anzugreifen, weil sie ihr Kind nicht stillt. Ich weiß, dass es diese Fälle gibt, in denen es einfach nicht möglich ist, sein Kind zu stillen. Und die Erfindung der Flaschennahrung ist ein Segen, weil sie dafür eine gute Lösung bietet.

Und doch: Stillen ist etwas Wunderbares. Es ist eine ganz besondere Erfahrung, die nur uns Müttern geschenkt wird. Ich bin unendlich traurig darüber, dass sich so viele von uns derart unter Druck gesetzt fühlen, dass ihnen diese Erfahrung geraubt wird. Aber trotz der vielen Berichte, die kursieren – Stillen muss keine Schmerzen bereiten. Stillen ist schön. Und das sollten viel mehr Mütter so empfinden.

So, und wer das Ganze auch aus einer anderen Perspektive betrachten möchte, dem sei der eingangs erwähnte Post „Stillen – eine Abrechnung“ empfohlen.

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1 Kommentar zu „Stillen – eine Ode“

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