Projekt: Abstillen

Ja, es ist so eine Sache, das mit dem Abstillen.

Bei den zwei Mädels ergab sich das mehr oder weniger von alleine. Bei Nele, unserer Ältesten, führten wir nach rund 6 Monaten den Brei ein. Für jede Milchmahlzeit, die ich ersetzen wollte, habe ich mir zwei bis drei Wochen Zeit genommen: Ganz ohne Hast erst mittags, dann abends, dann nachmittags. Diese Gelassenheit förderte die Akzeptanz des Breis – bilde ich mir zumindest ein – und im selben Maß, mit dem meine Milchmenge abnahm, verlor Nele das Interesse daran.

dsc00281

Auch Lena war etwa ein halbes Jahr alt, als wir mit dem Zufüttern begannen. Wieder hatten wir keine Eile, wieder ließen wir uns Zeit und wieder reduzierte sich meine Milchmenge langsam und kontinuierlich. In Lenas 8. Lebensmonat begleitete ich meine Mutti nach England – eine Woche, in der Papa mit den Mädchen allein Zuhause blieb. Der plötzliche komplette Wegfall eines Abnehmers machte sich an der Quelle in Form eines Milchstaus bemerkbar. Ich versuchte, die Milch mit der Hand auszustreichen: Ein mühsames Verfahren, von dem ich bis dato keine Ahnung gehabt hatte und das ich mir im Ausland mehr schlecht als recht per Smartphone und Google-Suche aneignete. Trotz allem führte die Methode zum gewünschten Erfolg. Als ich wieder nach Hause kam, war das Thema erledigt: Lena wollte nicht mehr wissen von meiner Brust.

20130830_193454

Tja, und dann war da Phil, der auch auf diesem Gebiet mal wieder andere Vorstellungen hatte. Wir blieben beim bewährten Modell und ließen ihn mit einem halben Jahr die erste „feste“ Nahrung kosten. Das funktionierte zunächst nicht wesentlich schlechter als bei seinen Schwestern: Nach kleineren Startschwierigkeiten lernte auch unser Jüngster den Brei schätzen. Der Unterschied: Phil war der Meinung, dass dieser eine prima Ergänzung zum Stillen sei – und keinesfalls ein Ersatz dafür. Und bei dieser Meinung blieb er hartnäckig. Schritt für Schritt (und ein ganzes Stück langsamer als bei den Mädchen) gelang es uns, alle Milchmahlzeiten durch feste Nahrung zu ersetzen. Was blieb, waren das „Betthupferl“, die Stilleinheit nach dem Abendbrot, und das nächtliche Ritual: Weniger eine wirkliche Nahrungsaufnahme als vielmehr nur das Anlegen an die tröstende Brust, wann immer er nachts aufwachte. Und Phil wachte häufig auf. Zwei-, drei-, vier-, fünfmal pro Nacht – je nach Verfassung war alles dabei. Alles, außer Durchschlafen.

Eine ganze Weile beließen wir es dabei. Ich habe es immer geliebt, zu stillen – und das Bewusstsein, dass es das letzte Mal war, machte mich in dieser Hinsicht sehr geduldig. In den folgenden Monaten hoffte ich also, das Abstillen würde sich ohne Zwang vollziehen. So ganz nebenbei. Einfach so. Irgendwie eben. Bald musste ich aber einsehen, dass das so nicht funktionierte: Phil klammerte sich beharrlich an sein nächtliches Nahrungsprivileg, und die wenigen Male, die ich ihm – genervt und übermüdet – die Brust zu verweigern versuchte, endeten in vielen Tränen und endlosem Geschrei.

Der konstant schlechte Nachtschlaf hinterließ seine Spuren, sowohl bei D. als auch bei mir. Aus Erfahrung wussten wir, dass der Nachtschlaf unseres Kindes sich mit dem Abstillen sofort bessern würde. Irgendwann war diese Aussicht zu verlockend. Wir fassten uns ein Herz und beschlossen: Ab heute gibt es keine Milch mehr nachts. (Wir vereinbarten dies gemeinsam, um sicherzustellen, dass nicht einer von uns beiden mitten in einer durchwachten Nacht schwach werden würde: „Was soll’s, gib‘ ihm einfach noch mal die Brust…“ oder „Ach Mensch, ich stille ihn einfach noch mal, okay?“

Was soll ich sagen: Die Nacht verlief, wie erwartet, katastrophal. Phil schrie und weinte und tobte, und ich hielt sein Händchen und litt neben ihm stumm mit. Wenn er vor Erschöpfung einschlief, dauerte es keine halbe Stunde, bis er wieder aufwachte und mit neuer Energie losjammerte. Wir blieben hart. Diese Nacht, die nächste, die übernächste. Dann, am 10.10.2016 – Phil war genau 1 Jahr und 6 Wochen alt – schlief er das erste Mal in seinem Leben bis früh dreiviertel sechs durch, und zwar allein in seinem Bett. Zwei weitere ähnlich gute Nächte wurden gefolgt von einem einwöchigen Rückfall. Ich blieb konsequent, bis auf das eine Mal, als ich die restliche Milchmenge verfüttern musste, die sich angesammelt hatte.

Sobald ich gemerkt hatte, dass Phil prinzipiell in der Lage war, eine Nacht ohne Brust zu überleben, nutze ich die Gunst der Stunde und strich klammheimlich auch die abendliche Stillmahlzeit vor dem Einschlafen. Phil bemerkte es gar nicht.

20150904_094907

Und dann war es geschafft, von einem Tag auf den anderen. Seit mittlerweile einer Wochen schläft Phil abends im Zimmer mit seinen Schwestern problemlos ein. Manchmal weint er, wenn er kurz aufwacht und das Nucki nicht findet – sobald wir es ihm geben, legt er sich sofort wieder hin und schläft weiter. Meist schläft er bis früh in seinem Bett, wenn er sich nachts doch einmal nicht beruhigen lässt, nehmen wir ihn mit ins Beistellbett. Spätestens dort ist bis früh Ruhe.

Tja, das war es dann wohl. Wir sind nun offiziell abgestillt – mein Sohn und ich. Nie wieder wird sich ein Baby an meine Brust kuscheln, nie wieder werde ich die zarten, schmatzenden Geräusche hören, nie wieder ein kleines Händchen spüren, das sich glückselig in meine weiche Haut klammert…

Ja, natürlich: Das stimmt mich melancholisch. Zurzeit wird die Wehmut allerdings noch überlagert von der unheimlichen Freude darüber, endlich – endlich – nachts wieder durchschlafen zu können. Wenn nicht gerade die Mädels ihre nächtlichen Wanderungen unternehmen… Aber das ist ein anderes Thema.

Advertisements

1 Kommentar zu „Projekt: Abstillen“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s