Der Adventskalender

Es gibt eine Weihnachtstradition, die ich für meine Familie schon immer unbedingt fortführen wollte. Eine Tradition, die für meinen Bruder und mich in der Kindheit (und noch ein ganzes Stückchen darüber hinaus) Weihnachten erst vollständig gemacht hat. Eine Tradition, die mir schon bei bei der Planung und Ausführung die größte Freude bereitet: Unser Adventskalender.

Ich habe mittlerweile mitbekommen, dass die Verwendung dieses Wortes nicht ganz ungefährlich ist in der Diskussion um Weihnachten im Allgemeinen und auf Mom-Blogs im Besonderen. Jeder scheint eine Meinung dazu zu haben, und die wird nicht selten höchst emotional vertreten: Die Welt wird eingeteilt in bastelnde Mütter und solche, die es nicht sind, es werden Minderwertigkeitskomplexe generiert oder abgestritten, Shitstorms ausgelöst und Begriffe wie „Bastelgate“ durch die Blogosphäre geschleudert.

Ich fühle mich davon nicht betroffen, wirklich. Basteln oder nicht, Schokolade oder Kleinigkeiten oder Ausmalbilder: Jeder kann es mit den Adventskalendern halten, wie er mag. Ich schreibe heute nicht darüber, weil ich Position beziehen will, sondern weil Weihnachten ist und das Thema gerade gut passt – und weil ich es in den vergangenen 12 Tagen einfach nicht geschafft habe, den Text zu verfassen, obwohl ich ihn natürlich wesentlich lieber schon am 1. Dezember gepostet hätte.

Unsere Tradition beginnt schon mit dem Namen. Der Adventskalender heißt bei uns nämlich nicht Adventskalender, sondern es sind „die Päckchen“. Und die hängen nicht an der Wand, sondern im Fenster.

Den Tiets erzählen wir dazu die folgende Geschichte: Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit schwärmen die kleinen Weihnachtswichtel aus und beginnen, heimlich natürlich, die Kinder zu beobachten. In dieser Funktion berichten sie direkt an den Weihnachtsmann (das hört sich jetzt fast wie eine Stellenbezeichnung auf Arbeit an, fällt mir gerade auf… 🙂 ).  Und nur, wenn die Kinder auch lieb waren, hängen die Wichtel ihnen in der Nacht zum 1. Dezember die Päckchen ins Fenster.

Über das Jahr habe ich kleine Schachteln gesammelt und diese mit weihnachtlichem Geschenkpapier beklebt – meist Reste von den Verpackungsorgien vergangener Jahre. Die Kartons zu bekleben ist eine Heidenarbeit, die glücklicherweise nur einmal anfällt, da man die Päckchen jedes Jahr wiederwenden kann. Tatsächlich existieren die Päckchen, die meine Mutter damals für meinen Bruder und mich gemacht hat, bis heute.

Jedes Päckchen bekommt seine eigene Schleife, wobei auch hier diverse Rester sinnvoll zum Einsatz kommen. Dies dient zum einen der Befestigung, zum anderen der Optik: Der Adventskalender sieht anschließend aus wie eine wunderschöne lange Reihe voller „echter“ kleiner Geschenke. Das Aufhängen ist vielleicht der aufwändigste Teil der ganzen Sache. Ich erinnere mich noch ziemlich gut an einen Satz, den ich während der Vorbereitungen vor etwas über zwei Jahren  zu D. sagte, kurz bevor ich das dritte Mal (und ungeplant) schwanger wurde: „Weißt du, wir können wirklich kein drittes Kind bekommen. 72 Päckchen – das schaffen wir niemals.“ Naja.

D. und ich haben hin- und herüberlegt, ob Phil dieses Jahr schon einen Kalender bekommen soll. Wir haben uns dafür entschieden, weil er mit seinen 16 Monaten inzwischen sehr genau mitbekommt, was um ihn herum passiert. Wir fanden es einfach unfair, ihn nur zusehen zu lassen, wie seine Schwestern jeden Morgen voller Vorfreude zum Fenster rennen. Weil ich es dieses Jahr noch nicht geschafft habe, die nächste Charge Päckchen zu bekleben, habe ich mir mit einem Trick beholfen: Bei IKEA habe ich 24 Papiertütchen zum Selbst-Befüllen gefunden. Die sehen niedlich aus, sind stabil und – falls ich auch im kommenden Jahr nicht genug Zeit zum Basteln finde – wiederverwendbar.

Es macht mir großen Spaß, den Inhalt für die Päckchen auszusuchen. Damit fange ich meist schon im Januar an: Das ganze Jahr sammle ich alles, was mir an Kleinigkeiten über den Weg läuft: hier ein bunter Button, dort ein Mini-Fläschchen Nagellack im Ausverkauf, da eine Packung Taschentücher mit süßem Aufdruck. Auf diese Weise habe ich in der Vorweihnachtszeit oft schon einen Großteil der Sachen. Den Rest fülle ich dann je nach meinen Ideen und den aktuellen Vorlieben der Tiets auf. Dieses Jahr war es ziemlich einfach: Kleine Sammelkarten und (gebrauchte) Benjamin-Blümchen-Kassetten für Nele, bunte Badefarben und Socken von Mia and me für Lena zum Beispiel. Zusätzlich gibt es jeden Tag noch ein kleines Stück Schokolade. In den letzten Jahren habe ich diese bei Aldi gekauft: Dort gibt es vor Weihnachten kleine runde Plastikdosen, wahlweise gefüllt mit 25 Mini-Teddys oder -Schneemännern. Den jeweils überzähligen gibt es am Heiligabend als Bonus dazu – oder schon vorher beim Einpacken für Mama 🙂

Für Phil, der dieses Jahr mit solchen Kleinigkeiten noch nicht wirklich was anfangen kann, liegen in jedem Tütchen ein paar Gummibärchen, die er früh auf Papas Arm freudestrahlend dort herausholt.

In meiner Kindheit haben meine Eltern die Päckchen an eine Schnur gebunden, die an zwei im Fensterrahmen befindlichen Nägeln befestigt war. Zunächst haben D. und ich das genauso gemacht. Nun wäre mein Mann nicht mein Mann, wenn er kein Optimierungspotential gefunden hätte. Wie bei so vielen anderen Dingen sind wir auch hier bei IKEA fündig geworden: Dort gibt es diese praktischen Stahlseile, die eigentlich zum Aufhängen von Vorhängen genutzt werden und auf individuelle Länge gekürzt werden können. Die Beschläge haben wir in der Fensterlaibung befestigt, wo sie das ganze Jahr über bleiben, denn die kleinen runden Blenden sehen für unser Empfinden sehr viel ordentlicher aus als so ein schief hervorstehender Nagel. Den Draht schrauben wir zu Weihnachten einfach ein und danach wieder heraus. Nützlich, schnell und stabil.

Während die Tiets also tief und fest schlafen, weil sie das erste und einzige Mal im Jahr sofort und ohne taktische Verzögerungsmaßnahmen eingeschlafen sind („Wenn ihr nicht rechtzeitig einschlaft, können die Wichtel die Päckchen nicht aufhängen, weil sie ja nicht wollen, dass ihr sie hört!“), nehmen D. und ich uns die große Kiste vor, in der ich die bereits befüllten Päckchen zusammen mit allem Zubehör verstaut habe. Wir öffnen unser Bier, stoßen verschwörerisch grinsend an und beginnen damit, die Päckchen mittels Geschenkband an den Draht zu friemeln. Das Prozedere dauert bei mittlerweile drei solchen Reihen gut anderthalb Stunden. Trotzdem: Es ist eine schöne Arbeit, die versüßt wird von der elterlichen Vorfreude auf leuchtende Kinderaugen. Das ist unsere ganz eigene Art, die Weihnachtszeit einzuläuten. Und wenn die Tiets dann am nächsten Morgen aufwachen und es nicht erwarten können, im Wohnzimmer nachzusehen, ob die Wichtel da waren, ist es jede Mühe wert gewesen.

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