Philosophiefrage

Am Samstag habe ich die Weihnachtssachen weggeräumt. Zwei Schwibbögen und einen Herrnhuter Stern, viele Räuchermänner, viele Weihnachtsmänner, ein paar Engel und einen Nussknacker habe ich in die Kisten zurückverfrachtet, in dem sie die restlichen 11 Monate des Jahres ihr Dasein fristen. Ich genieße die anheimelnde Atmosphäre, die die Erzgebirgskunst jedes Jahr zur Weihnachtszeit in unser Zuhause bringt. Und doch muss ich doch gestehen, dass ich auch immer sehr glücklich bin, wenn ich endlich alles wieder wegräumen kann: Wenn mein Bücherregal nur noch Bücher beinhaltet und die Dekorationselemente im Wohnzimmer auf ihr übliches Minimum beschränkt sind. Dabei habe ich noch gar nicht alles geschafft: Draußen halten die Lichterkette über der Hemlocktanne und der Außenstern tapfer die Stellung, und in der Zimmerecke steht noch der Weihnachtsbaum, einsam und ungeschmückt vor sich hin nadelnd.

Wenn ich das Weihnachtsfest so Revue passieren lasse, fällt sie mir wieder ein, die Philosophiefrage, die die Geister scheidet: Wie sind die Geschenke zu öffnen? Wie erfolgt das Entfernen der liebevoll gestalteten Umverpackung vom eigentlichen Inhalt? Die Frage beschäftigt mich vor allem immer wieder, weil es diesbezüglich innerhalb der Familie große Unterschiede gibt: Die einen sind der Meinung, Geschenkpapier sei zum Aufreißen da, und insbesondere den Kindern sollte man doch nicht den Spaß verwehen, das Papier beim Auswickeln genussvoll und lautstark zu zerstören. Die anderen mahnen ihre Kinder zur Vorsicht. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Ich packe Geschenke immer sehr sorgfältig aus, und ich halte auch meine Kinder dazu an. Ich habe oft das Gefühl, man glaubt, ich tue das aus Geiz, aus falsch verstandener Sparsamkeit. Das entspricht aber durchaus nicht der Wahrheit.

Der Hauptgrund dafür lautet ganz einfach: Wertschätzung. Wertschätzung der Mühe, die sich irgendjemand gegeben hat, das Geschenk zu verpacken, Wertschätzung des Geldes, das für diese schönen, bunten, aufwändig gestalteten Pakete ausgegeben wurde. Das lieblose Aufreißen eines Geschenks ist für mich Inbegriff der Missachtung dieser Mühe. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Papier an der letzten Ecke schließlich doch noch einreißt, ob nach dem dritten erfolglosen Versuch, den Knoten mit der Hand zu öffnen, doch die Schere zum Einsatz kommen muss. Es kommt auch nicht darauf an, ob Kinder schon alt genug sind, um den wahren Wert von Zeit und Geld einschätzen zu können. Geschenke liegen nicht fertig auf der Straße herum, sondern irgendwer hat sich Mühe dabei gegeben, sie zu besorgen und zu verpacken: Das ist ein Konzept, das schon Kleinkinder problemlos begreifen können – ganz gleich, ob es sich dabei um den Weihnachtsmann oder die Weihnachtswichtel handelt, um Osterhase oder Mama oder Papa oder sonst wer.

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Dann ist da noch die Wertschätzung des Geschenks an sich. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der neben den Eltern auch jede Uroma, jede Oma, jede Tante das nachvollziehbare Bestreben hat, dem Kind etwas Eigenes, etwas Besonderes schenken. Die logische Konsequenz sind wahre Berge an Geschenken, insbesondere an Geburtstagen und zu Weihnachten. Ich habe das oft genug beobachtet: Wenn die Kinder beginnen, sich diesen Geschenkebergen zu widmen, geraten sie in einen regelrechten Rausch. Sie nehmen sich keine Zeit mehr für ein einzelnes Präsent; die Bescherung verkommt zur reinen Aneinanderreihung von Aufreißen und Weglegen – und das in schwindelerregender Geschwindigkeit. Es ist ein ziemlich trauriger Anblick. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Tiets, wenn sie ein bisschen mehr Zeit in das Öffnen jedes einzelnen Geschenks investieren müssen, ein Stück weit raus aus diesem Modus geholt, quasi entschleunigt werden. Das alles funktioniert natürlich nur in begrenztem Rahmen; nicht jedes Geschenk kann und soll zeremoniell gewürdigt werden, nicht jedes Geschenk gefällt den Tiets gleich gut, und schließlich und endlich darf man nicht vergessen, dass es noch Kinder sind.

Natürlich geht es auch um Ökonomie. Ich habe etwas gegen Verschwendung. Und das hat in meinen Augen nichts mit Geiz zu tun oder damit, dass ich versuche, Geld zu sparen. Im Gegenteil: Ich gebe jedes Jahr eine nicht unerhebliche Summe aus für Geschenkpapier, Geschenkband und Dekoration. Aber dass man das schöne Papier zwingend zerstören muss, nachdem es pflichtbewusst kurz angeschaut wurde, will mir einfach nicht in den Kopf. Kann man machen, klar – muss man aber nicht. Und so hebe ich größere Stücke tatsächlich gern auf: Beim Bekleben der Päckchen haben mir die Papierreste zum Beispiel unschätzbare Dienste erwiesen. Sie eignen sich zum Basteln oder auch dafür, Geschenke zu verpacken, bei denen es nicht zu 100 % auf die Optik ankommt: Nele möchte in letzter Zeit oft beim Verpacken der Geschenke behilflich zu sein, vor allem, wenn es für ein Kind ist, bei dem sie zur Geburtstagsfeier eingeladen ist. Da habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich dafür einen Bogen Papier hervorhole, der zwar schon drei Knicke hat, aber an dem sie nach Herzenslust herumschneiden und –kleben kann.

Was ist eure Meinung dazu? Dürfen eure Kinder die Geschenkverpackung aufreißen oder nicht? Und warum habt ihr euch dafür oder dagegen entschieden?

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