Eingeimpft (Teil 1)

Lange habe ich überlegt, ob ich hierzu etwas schreiben soll. Warum? Weil es mit dem Impfen ein bisschen wie mit dem Stillen ist: Es ist ein höchst kontroverses Thema, an dem sich die Gemüter erhitzen, bei dem es oft nur Schwarz oder Weiß gibt und die Vorbehalte auf beiden Seiten groß sind. Besonders kritisch ist, dass die Diskussion oft persönlich wird: Wirkt sich die elterliche Entscheidung zum Stillen „nur“ auf die eigenen Kinder aus, sehen sich Eltern, die dem Impfen kritisch gegenüberstehen, mit dem Vorwurf konfrontiert, sämtliche Menschen im Umfeld zu gefährden.

Kein leichter Stoff für einen Blogeintrag also. Und doch einer, der, so habe ich das Gefühl, angesprochen werden sollte. Ich muss dazu sagen, dass ich mich sehr, sehr intensiv mit der Frage auseinandergesetzt habe. Keine andere Thematik – mit Ausnahme vielleicht der Ernährung – hat mich so sehr beschäftigt in den knapp sechs Jahren meines Elterndaseins. Ich habe stundenlang im Internet recherchiert, habe Websites durchforstet, Dokumentarfilme angeschaut, Bücher gelesen und wissenschaftliche Publikation gelesen, und das nicht nur während eines kurzen Zeitraums, als es gerade mal in den Medien aktuell war, sondern über Jahre hinweg immer wieder.

Dabei soll dies hier kein Informationsartikel über das Impfen werden. Die Argumente dafür oder dagegen sind zahlreich und können auf entsprechenden Seiten im Internet nachgelesen werden. Ich finde es gut, dass es verschiedene Blickwinkel gibt, aus deren Aufeinandertreffen eine Diskussion entstehen kann, denn nur so ist gewährleistet, dass alle Parteien die Gründe in ihrer Gesamtheit kennenlernen und darauf basierend ihre eigene Entscheidung fällen können. Was mich allerdings jedes Mal aufs Neue entsetzt, ist die heftige, polemische und teilweise irritierend ausfallende Art der Dialogführung, weshalb ich sie hier auch zum Gegenstand machen möchte.

Der Umgang mit dem Impfen in der Gesellschaft

Das erste Problem im öffentlichen Umgang mit dem Impfen resultiert meiner Meinung nach schon aus der populistischen Fragestellung: „Impfen – ja oder nein?“ Diese impliziert nämlich, dass man sich für eins von beiden entscheiden muss: Alles oder nichts, ganz oder gar nicht, 0 oder 1, dafür oder dagegen. Dass es viele verschiedene Impfungen gibt, die verschiedene Charakteristika, Wirksamkeitsindizes und Historien aufweisen und dementsprechend alle einzeln betrachtet werden müssen, wird dabei meist vernachlässigt.

Das zweite, eindeutig belegbare, Problem ist ein defizitärer Informationsfluss. Zugegeben, dies betrifft lange nicht nur diese Thematik. Informationen in der heutigen Zeit sind kostbar und mächtig; wer sie besitzt, hat die Macht. Dementsprechend werden Informationen gesteuert verteilt, zurückgehalten und viel zu häufig wohl auch in ihrem Wahrheitsgehalt manipuliert – das ist ein trauriger, aber wahrer Aspekt unserer Gesellschaft, der vor keinem Bereich haltmacht: Kultur, Politik, Gesundheit, Bildung und so weiter. Dass die Impfdiskussion kein Monopol darauf hat, macht die Tatsache nicht weniger gravierend. Bestes Beispiel* dafür ist die vielzitierte Impfmüdigkeit. Deutschland ist nicht impfmüde, im Gegenteil, die Impfquoten steigen jedes Jahr. Wieso dann dieser Begriff, der doch unweigerlich die Wahrnehmung des Lesenden beeinflusst? (*Ich beschränke mich hier auf dieses eine Beispiel. Bei Interesse kann ich dies in einem weiteren Artikel näher ausführen.)

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Impfquote von Schulanfängern in Deutschland nach Krankheit in den Jahren 2010 bis 2014 (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/150982/umfrage/impfquote-von-schulanfaengern-in-deutschland/, abgerufen am 25.05.2017)

Und damit kommen wir schon zum dritten Problem, eben jener Meinungsmache. Überschriften in Zeitungen titeln gern groß von Epidemien und Todesfällen. Statt Pro- und Contra-Argumente gleichermaßen aufzuführen und sachlich gegeneinander abzuwägen, werden Ängste geschürt – und machen damit jemanden, der versucht, die Objektivität zu wahren, zum potenziellen Gefährder der Allgemeinheit. Je größer das Unheil ist, das droht, desto misstrauischer blickt man auf die, die es heraufzubeschwören scheinen.

Das vierte Problem, das teilweise aus dem dritten resultiert, ist die Art der Meinungsäußerung. Ich selbst debattiere sehr gern. Ich glaube von mir, dass ich offen bin für andere Sichtweisen und Argumentationen. Was ich aber auf den Tod nicht ausstehen kann, sind Halbwahrheiten, Beleidigungen und Unsachlichkeit. Genau solche Äußerungen werden durch Angst begünstigt. Foren im Internet bieten dafür natürlich eine ideale Plattform: Beitragen kann in der Regel jeder, unabhängig davon, ob und wie sehr er sich im Vorhinein mit der Fragestellung auseinandergesetzt hat, und egal, ob er aus echtem Interesse schreibt oder einfach mal nur ganz allgemein Dampf ablassen will. Da werden Eltern, die sich hinsichtlich Anzahl und Zeitpunkten der Impfungen nicht streng an die Empfehlungen der STIKO halten, sofort als „Impfgegner“ tituliert. Da sind Eltern, die für das Impfen sind, „impfgeil“, während die, die dagegen sind, „Menschenleben auf dem Gewissen“ haben.

Ich finde solche Äußerungen nicht akzeptabel, möchte sie hier aber aufführen, um zu verdeutlichen, welche absurden Ausmaße die Diskussion an manchen Stellen angenommen hat. Dass es in solch einem Chaos aus verhärteten Fronten, Emotionen und unterschiedlich fundierten Aussagen schwer fällt, die für die eigene Entscheidung relevanten Informationen herauszuklauben, ist nur folgerichtig.

Teil 2 folgt in Kürze.

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