Beistell-Bett-Bredouille

Wie viele Beiträge habe ich eigentlich schon zum Thema „Schlafverhalten der Tiets“ geschrieben? Gefühlte 100 Stück. Und ich finde trotzdem immer noch neue Aspekte, über die ich schreiben kann. Aufgepasst, hier kommt Nummer 101:

Wie war das doch gleich mit dem Nachtschlaf der Baby-Tiets?

Als frischgebackene Eltern unseres ersten Kindes waren wir ziemlich konsequent hinsichtlich Babys Schlaf. Ich erinnere mich noch, wie ich mehrmals in der Nacht aufstand, Nele aus dem Stubenwagen holte, mich in den temporär ins Schlafzimmer verlegten Poäng setzte und sie stillte. Neben mir stand ein Teller mit Salami-Schnitten, den mir D. fürsorglich vorbereitet hatte. Es war Winter, nachts ziemlich kalt in unserer Dachgeschosswohnung und, übernächtigt, wie ich war, entsprechend ungemütlich. Als Nele etwa sieben Monate alt war, quartierten wir sie in ihr eigenes Zimmer aus, wo sie fortan die Nacht durchschlief. Das tut sie zuverlässig und mit nur wenigen Ausnahmen bis heute (Danke, mein liebes Kind!).

Als Lena auf der Welt war, änderten sich die Dinge. Zwar schlief auch sie nachts im Stubenwagen, doch der Poäng blieb im Wohnzimmer. Wenn Lena aufwachte, nahm ich sie zum Stillen mit in unser Bett. Nicht verwunderlich, dass beim Nahrungsaustauschprozess in den allermeisten Fällen sowohl Mutter als auch Tochter einschliefen. So kam es, dass Lena die Nacht sehr viel häufiger im elterlichen Lager verbrachte als Nele. Das Umquartieren in ihr eigenes Bett, das im selben Zimmer wie das ihrer Schwester stand, schoben wir vor uns her, bis sie elf Monate alt war. Der Umzug hatte einen ähnlichen positiven Effekt, wie wir ihn schon bei ihrer Schwester beobachten konnten, wenngleich er etwas langsamer vonstatten ging. Die Verbesserung war allerdings nicht von Dauer: Bis heute ist Lenas Schlafverhalten einem ständigen Auf und Ab unterworfen; Phasen, in denen sie gut durchschläft, wechseln sich ab mit den sehr viel häufigeren Phasen, in denen ihre Nacht durch Alpträume, schlafwandlerische Launen und andere Bedürfnisse jeglicher Art gestört wird, die sie letztlich wieder zurück ins große Bett treiben.

Es dauerte nicht lange, da kündigte sich mit Phil die dritte Green Card für unsere Augenringe an. Da wir mittlerweile in einem Haus mit zwei Etagen lebten, der Stubenwagen also nicht „mal eben“ vom Schlafzimmer zum Wohnzimmer und umgekehrt gerollt werden konnte, entschieden wir uns dafür, uns ein Beistellbett zuzulegen. Während Phil also wie gehabt tagsüber bei uns unten im Stubenwagen – beziehungsweise später dann Laufgitter – liegen würde, sollte er die Nacht im Beistellbett verbringen.

Was das Beistellbett und der Huanghe gemeinsam haben

Soweit die Theorie, die sich in Phils ersten Lebensmonaten auch hervorragend umsetzen ließ. Prinzipiell ist so ein Beistellbett nämlich eine tolle Sache. Baby hat nachts Hunger? Kein Problem – Arm ausgestreckt, Baby herangezogen, angedockt und fertig. Wen kümmert es, wer alles einschläft dabei? Wann immer es nötig ist, kann Baby mit wenigen Handgriffen in die gewünschte Lage befördert, gestreichelt oder wieder zugedeckt werden. Mama muss noch nicht mal ihren Halbschlafzustand dafür verlassen. Und bei alledem haben die Eltern jederzeit genug Platz im Bett (sofern sich kein anderweitiger Tiet-Besuch einstellt, versteht sich).

Die Zeit verging, Phil wurde ein Jahr alt, und der Zeitpunkt der Umsiedlung ins eigene Schlafgemach rückte näher. Das Bett war fertig aufgebaut, im selben Zimmer, in dem auch die Mädels schliefen, und wartete auf seinen kleinen Bewohner. Nur: Der wollte gar nicht hinein. Warum auch – hatte er doch bereits sein Refugium neben den Eltern. Es war ein zäher Prozess, bis Phil endlich dort einschlief, wo er sollte, wobei die Betonung hier auf dem Präfix liegt: Wir reden vom Einschlafen, nicht vom Durchschlafen. Tatsächlich lässt sich die Anzahl der Nächte, die er komplett im eigenen Bett verbracht hat, an maximal zwei Händen abzählen.

Geographie lag mir ja nie wirklich. Eine Unterrichtsstunde ist jedoch irgendwie bei mir hängen bleiben. Es ging um den Hunaghe, den großen chinesischen Fluss, der laut Tafelbild „Fluch und Segen“ für die Bevölkerung zugleich ist. Ähnlich verhält es sich mit dem weißen, vergitterten Holzkonstrukt, das unser Schlafzimmer okkupiert hat: Eine großartige Sache – mit nicht zu unterschätzenden Nebenwirkungen.

Das Dilemma spitzt sich zu

Monatelang funktionierte zumindest Einschlafen mit den drei Tiets hervorragend: Wir brachten alle sie ins Bett, Nele hörte ihre Benjamin-Blümchen-Kassette an, Lena legte sich brav hin – wohl wissend, dass sie in der nächsten Stunde noch mindestens fünfmal den Raum verlassen würde – und Phil kuschelte sich zufrieden in sein Kissen, nachdem er sich den Gute-Nacht-Kuss für linke Hand, rechte Hand, Kuscheltier eins und zwei sowie Gesicht (in genau dieser Reihenfolge) von uns abgeholt hatte. Danach verhielt er sich mucksmäuschenstill und schlief irgendwann ein, bis er gegen 22 Uhr wieder aufwachte, Kuscheltiere und Decke unter den Arm klemmte, sich ans Gitter stellte, uns rief und den Wechsel ins Beistellbett einforderte. Da er dort dann den Rest der Nacht friedlich weiterschlief, war das in Ordnung für uns – wir hatten einen bewährten, eingespielten Nachtrhythmus; die Qualität unseres Schlafs stand und fiel letztlich nur mit Lenas Verfassung.

Was soll ich sagen – die angenehmen Zeiten sind vorbei. Aus leidvoller elterlicher Erfahrung und nicht zuletzt aus dem Buch „Oje, ich wachse“ weiß ich, dass die Entwicklung von Kindern im Grunde nichts anderes als eine Aneinanderreihung alternierend angenehmer und anstrengender Phasen ist. Phil durchlebt vermutlich gerade mal wieder eine der letzten Kategorie.

Von einem auf den anderen Tag weigerte er sich, selbst einzuschlafen. Er weinte und brüllte, so lange, bis wir ihn mit ins Elternbett nahmen – kein Zureden half, kein In-den-Arm-Nehmen. Ich bin nicht der Typ, der sofort beim ersten Quietschen zu den Kindern eilt; der Ernst der Situation lässt sich ja meist recht gut an der Tonlage der Weinens erkennen. Eine Weile haben wir sein Brüllen als Wutprobe abgetan und versucht, es zu ignorieren. Eine halbe Stunde war das Maximum, das ich ausgehalten habe, dann ging auch bei meinen Nerven nichts mehr. Als ich ins Zimmer kam, hatte Phil sich irgendwie oben auf das Gitter manövriert, wo er scheinbar nicht wieder herunterkam. Dort lag er dann bäuchlings und schluchzte weiter. Es fühlte sich einfach vollkommen falsch an, und seitdem legen wir uns abends anstandslos mit ihm ins Bett, halten sein Händchen und warten, bis er eingeschlafen ist.

Die gute Nachricht: Phil ist raus aus dem Beistellbett

Phil scheint sich an dieses Ritual gewöhnt zu haben. Abends, wenn wir mit dem Zähneputzen fertig sind, stiefelt er ohne Umwege ins Schlafzimmer, wiederholt dabei fortwährend „Betch, Betch, Betch“ (also „Bettchen“) – legt sich in aller Selbstverständlichkeit auf das (mein!) Kissen, zieht sich unsere schwere Decke bis unters Kinn und klopft mit der Hand aufmunternd neben sich. „Betch? Betch?“

Phil wird bald zwei Jahre alt. Das Beistellbett steht immer noch dort, wo wir es vor gut zwei Jahren aufgebaut haben. Erst trauten wir uns nicht, es wegzuräumen, weil Phil pünktlich 22 Uhr seinen angestammten Platz besetzte. Inzwischen verschmäht er das Beistellbett zwar – klar, Mamas Kissen ist ja so viel bequemer –  aber jetzt sind wir darauf angewiesen: Wir brauchen den zusätzlichen Platz als Vergrößerung der Liegefläche, um meinen Kopf unterzubringen oder Phils Füße – je nachdem, in welche Position er sich nachts manövriert.

Es ist zum Heulen. Abends fehlt uns die Zeit, die wir reglos neben unserem Jüngsten im Bett verbringen müssen, und nachts der Schlaf, weil er sich zwischen uns breit macht. Und wir fragen uns: Haben wir uns die Misere selbst eingebrockt? Ist das Beistellbett die Ursache oder ist alles nur Zufall?

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