Autotiet: Peugeot 309

Meine Firma hat ihre Mitarbeiter anlässlich der gerade stattfindenden IAA in Frankfurt dazu aufgerufen, eine kurze, persönliche Auto-Story einzusenden. Da ich eine große emotionale Bindung an unsere Fahrzeuge im Allgemeinen und den Peugeot 309 im Besonderen habe, konnte ich gar nicht anders, als dieser Aufforderung zu folgen. Irgendwie ist der Text dann etwas länger geworden als geplant…

Als meine Eltern kurz nach der Wende das erste Familienfahrzeug kauften, ahnten sie nicht, welche Auswirkungen ihre Wahl einmal auf die automobile Zukunft ihrer Kinder haben würde.

Es handelte sich um einen viersitzigen Kompaktwagen, einen Peugeot 309 Graffic in Magnumgrau. In der  dem Charme der Zeit entsprechenden eckigen Karosserie steckte ein karges Interieur: Auf ein Drehzahlmesser wurde zugunsten der Analoguhr verzichtet, Servolenkung und elektrische Fensterheber gab es nur in der Aufpreisliste, Airbags nicht einmal dort.

Viele Jahre blieb der 309er unser einziges Fortbewegungsmittel. Er wurde für uns zum treuen Gefährten, zum Freund, der uns mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch den Alltag trug wie durch gemeinsame Urlaube. Wir tauften ihn liebevoll, sprachen zu ihm und streichelten verstohlen über das Armaturenbrett, wenn er wieder eine besonders lange Reise gemeistert hatte. Wann immer wir zu ihm auf den Parkplatz zurückkehrten und seine vertraute Front erblickten, meinten wir, er lächle uns erwartungsvoll entgegen.  Wenn wir unterwegs waren, hielten wir stets Ausschau nach anderen 309ern. Dort lugten wir dann – mein Bruder und ich, klein, wie wir waren – durch das Fenster der Fahrertür, um einen Blick auf den fremden Kilometerzähler zu erhaschen und festzustellen, wer den höheren Kilometerstand hatte…

Als meine Eltern sich nach vielen Jahren entschieden, ihn gegen ein aktuelleres Modell einzutauschen, bestand nicht der Ansatz eines Zweifels, dass der 309er weiterhin in der Familie bleiben würde. So nahm ich, fünfzehn Jahre, nachdem er in unsere Familie gekommen war, das erste Mal selbst Platz hinterm Steuer. Mein Bruder und ich nutzten ihn gemeinsam, führten Benzintagebuch und teilten uns geschwisterlich die Reparaturkosten. Er begann, seine angeborene Faszination an Elektronik und Mechanik an unserem 309er auszuleben. So kam es, dass dieser plötzlich über eine elektrische Zentralverriegelung verfügte, über einen Eco-Modus, mit dem auf Knopfdruck die Einspritzmenge vermindert werden konnte, und sogar über einen aus vielen kleinen LEDs zusammengesetzten Drehzahlmesser im Stil von Knight Rider. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir so verbrachten: Mein Bruder, in den Tiefen des Motorraums vergraben, und ich, fasziniert daneben sitzend, im englischen Reparaturhandbuch schmökernd.

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2010 kaufte ich mir meinen ersten eigenen 309er, einen weißen Best Line. Es mag schwer nachzuvollziehen sein, aber damals platzte ich schier vor Stolz über die getönten Scheiben, die karierte Polsterung und die serienmäßige Zentralverriegelung – alles Dinge, die das Fahrzeug 1992 zum Sondermodell qualifiziert hatten, den meisten anderen  Autofahrern natürlich schon lange nur noch ein müdes Lächeln entlockt hätten.

Mein Mann, dem als langjährigen Opel-Calibra-Fahrer die Liebe zu einem in die Jahre gekommenen Auto nicht fremd war, hatte gar keine Wahl: Er wurde mit dem Virus infiziert. Als ich mir 2012 mit einem 309er GTi 16V einen ganz persönlichen Traum erfüllen wollte, war er es, der mit meinem Bruder nach Wien aufbrach, um ihn nach Hause zu holen. Ein in schnödem VW-Weiß lackiertes, kaum fahrtaugliches Exemplar mit beschädigtem Motor und verschlissener Hinterachse. Natürlich machten sich beide mit Feuereifer sofort an die Reparatur. Schließlich spendierten sie ihm auch ein ganz und gar nicht serienmäßiges  Sechsgang-Getriebe – „für die Wissenschaft“, wie sie mir mit einem Augenzwinkern erklärten. Die Arbeit hat sich gelohnt: Bis heute fahre ich diesen mit 147 PS stärksten 309er, den es jemals gab (mit Ausnahme der französischen Variante, die es ohne Katalysator sogar bis auf 160 PS schaffte), der die knapp 975 kg Leergewicht auch für heutige Maßstäbe höchst effizient auf Geschwindigkeit bringt.

Die Jahre vergingen – nicht so unsere Faszination am 309er. Nach einem schicken schwarzen  GTI 8V für meinen Bruder wuchs unser Bestand um einen roten SX und einen schwarzen XS, die leider beide nur als Teile-Lieferant dienen durften, um einen eisblauen Graffic, der uns über den Winter brachte,  um einen weiteren, knallroten XS mit einer unglaublich niedrigen Tacholeistung von gerade mal 28.000 Kilometern, der uns zu schade zum Fahren war, und und und.  Insgesamt sind es wohl um die fünfzehn 309er, die unseren automobilen Lebensweg kreuzten und uns ein mehr oder weniger langes Stück darauf begleitet haben. Gemeinsam erlebten wir Höhen und Tiefen: Der Versuch, mit einer Tankfüllung 1000 Kilometer zu schaffen, gelang uns nur fast, eine Benzinklappe ging uns auf der Fahrt verloren, Motorschäden hatten wir nicht nur einen, und jüngst bereitete uns die Dichtung des Ölfilters, die mitten in der Fahrt den Geist aufgab, höchst schmieriges Kopfzerbrechen. Dass unsere Leidenschaft ihren Tribut forderte, wurde uns schnell klar, denn mit dem Alter der Autos stieg naturgemäß auch deren Pflegebedürftigkeit. Und doch hatten wir sie irgendwie alle ins Herz geschlossen, die 309er mitsamt ihren liebenswerten Macken: Die Leuchtweitenregulierung funktionierte bei keinem einzigen Modell, das Handschuhfach  löste sich prinzipiell aus der Verankerung und aus jeder einzelnen Heckwischdüse machten Marder binnen weniger Tage ein angenagtes Stück Plastik.

Und nun? Mittlerweile bin ich 31 Jahre alt. Ich bin erwachsen geworden. Priorität hat die eigene Familie, und Zeit, meinem Bruder beim Schrauben zuzusehen, habe ich schon längst nicht mehr. Teilnahmen an Peugeot-Treffen und Diskussionen über die Eigentümlichkeiten der Lambda-Sonde gehören der Vergangenheit an. Tatsächlich hat sich meine Sicht auf die Automobilität verändert. Sie erlebt einen grundlegenden Wandel, heute vielleicht fühlbarer als je zuvor, und ich bin ein Teil davon. Auf Arbeit beschäftige ich mich tagtäglich mit Projekten, die alle nur dem einen Zweck dienen: Autos mit effizienten Batterien auf die Straßen der Zukunft zu bringen  – Straßen, auf denen vielleicht irgendwann mal kein Platz mehr ist für betagte Viertakter. Natürlich habe auch ich selbst die Vorzüge moderner Technik schätzen gelernt, und inzwischen ist der 309er „nur“ noch unser Sommerauto.

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Ja, es hat sich viel verändert. Was geblieben ist, ist meine Liebe zu dem einzigartigen, zeitlos schönen Fahrzeugmodell mit dem freundlichen Lächeln und dem riesengroßen Kofferraum. Daher sehne ich jedes Jahr wieder den ersten April herbei, wenn ich meinen 309er GTI aus der Garage holen kann, und grinse meinen Mann nur an, wenn er scheinheilig fragt, ob ich heute nicht lieber die Familienkutsche nehmen will. Was für eine Frage! Ich steige in meinen GTI, drehe den Zündschlüssel und lausche verzückt dem unruhigen, brummigen Aufheulen des Motors. Ich genieße sämtliche Kilometer meines gerade mal zehn Minuten langen Arbeitswegs, und fühle mich, wenn ich auf dem Parkplatz meiner Firma einbiege, jeden Tag aufs Neue so, als hätte ich das schönste Auto der Welt.

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