„After all, you have failed to bear me a son.“

Wer diesen Blog verfolgt, weiß, dass ich sehr gern lese. Dabei ist „gern“ eigentlich eine Untertreibung; vielmehr ist das Lesen eine meiner wenigen echten, tiefgehenden Leidenschaften. Wenn ich lese, kann mich ein Buch förmlich aufsaugen; während meine Augen den Wörtern hinterherjagen, finde ich mich wieder an all den Orten und zusammen mit all den Menschen, die der Schriftsteller auf den Seiten entstehen lässt.

Zurzeit lebe ich nun im frühen 16. Jahrhundert und begleite Anne Boleyn, die zweite der sechs Ehefrauen von Englands Heinrich VIII, deren Leben auf dem Schafott ein jähes Ende finden wird.

Und irgendwie lässt mich ihr Schicksal nicht los.

„After all, you failed to bear me a son.“ Diesen Satz legt die Autorin Heinrich VIII in den Mund, der damit Anne gegenüber die Problematik seiner Nachfolgeregelung kommentiert. Zugegeben, der exakte Wortlaut ist nicht historisch belegt, und gerade die Wiedergabe von Gesprächen vergangener Zeiten ist in hohem Maße abhängig von der Phantasie ihrer Chronisten. Doch es gibt keinen Grund, anzuzweifeln, dass Äußerungen wie diese so – oder zumindest so ähnlich – tatsächlich getätigt wurden.

Es ist verrückt, dass mich das nun, gute fünfhundert Jahre später, so beschäftigt. Ich lebe im Hier und Jetzt, habe drei erfolgreiche Schwangerschaften hinter mir, von denen mir jede einzelne ein gesundes, wunderbares Kind geschenkt hat. Das Trauma einer Fehlgeburt musste ich nie erleben. Dabei ist mir sehr bewusst, dass es diese auch heute noch oft genug gibt, und ich mag mir nicht ausmalen, wie solch ein trauriges Ereignis das Leben der Mutter (und des Vaters) erschüttern muss.

Wie furchtbar musste es gewesen sein für Anne, eine Fehlgeburt nach der anderen zu erleiden? Ein ums andere Mal das Elend, die Qual erfahren zu müssen, als der eigene Leib unter furchtbaren Schmerzen einen winzigen, erbarmungswürdigen, toten Körper hervorbrachte? Es war ja nicht nur die Trauer um das verlorene Kind. Unabhängig davon, mit welchen Worten und Taten Heinrich damals wirklich reagierte: Alles, was Anne blieb, war die Enttäuschung. Das Bewusstsein des eigenen Versagens und die schreckliche Angst, von ihrem Mann zurückgestoßen zu werden, weil sie nicht in der Lage war, ihre einzige, fundamentale, höchste Pflicht zu erfüllen.

Dabei kann ich Heinrichs Gemütsverfassung durchaus nachvollziehen; seine Königswürde ruhte auf wackeligen Füßen. Er hatte eine Vielzahl von Feinden, sowohl im eigenen Land als auch außerhalb, und es war für ihn dringend erforderlich, beinahe lebensnotwendig, endlich einen Thronfolger präsentieren zu können. 1535 hatte er zwei (legitime) Töchter, aber trotz aller Bemühungen keinen (legitimen) Sohn.

Was mich so berührt, ist die unausweichliche Tragik von Annes Situation, der kaum eine Frau in jener Zeit entrinnen konnte. Ohne Pränataldiagnostik und Ultraschall, ohne überhaupt eine genaue Kenntnis der Vorgänge im weiblichen Körper waren Fehl- und Totgeburten an der Tagesordnung. Nicht anders erging es schon Annes Vorgängerin, Katharina von Aragón. Im Laufe ihrer Ehe mit Heinrich hatte sie mindestens sechs Schwangerschaften, von denen nur zwei in der Geburt eines lebensfähigen Kindes mündeten. Ihr Sohn starb nach nur 52 Tagen, einzig ihre Tochter Mary überlebte bis ins Erwachsenenalter.

Ich kann nicht verhindern, dass sie sich in meinen Kopf stehlen, die Gedanken über das „Was wäre, wenn?“: Was wäre, wenn Katharinas Sohn überlebt hätte? Wäre Heinrich ebenfalls in die Geschichte eingegangen als berüchtigter Monarch, der England von der römisch-katholischen Kirche loslöste und zwei seiner sechs Ehefrauen hinrichten ließ? Oder was wäre geschehen, wenn Anne auch nur einen der insgesamt (vermutlich) drei männlichen Föten in ihrem Bauch hätte gesund zur Welt bringen dürfen? Wäre England dadurch einer seiner großartigsten Monarchinnen, Königin Elizabeth I, beraubt worden?

Das Licht der Gegenwart verzerrt die Vergangenheit. Wir können uns heute längst kein Urteil mehr erlauben. Heinrich als leidenschaftlicher Ehemann oder verzweifelter Regent, Katharina als einzig wahre Königin oder unrechtmäßige Gattin, Anne Boleyn als ehrgeizige Arrivierte oder Opfer einer höfischen Intrige – sie alle waren Kinder ihrer Zeit. Und in jener war der Wert einer Frau im Allgemeinen reduziert auf ihre Fähigkeit, Söhne zu gebären. Dieses Prinzip galt umso mehr in adligen Kreisen, in denen Kinder die Bindeglieder für internationale Beziehungen, die Garanten der Erhaltung von Dynastien waren. Als Mutter eines Thronfolgers konnten einer Frau die höchsten Ehren zuteilwerden – oder sie konnte ins tiefste Elend gestürzt werden, manchmal sogar ihr Leben verlieren, nur weil Fortuna es eben anders wollte.

Es gibt viele Theorien, warum insbesondere die ersten beiden Frauen von Heinrich so viele Fehlgeburten hatten. Von Rhesus-Inkompatibilität bis Syphilis ist alles dabei. Welche der Wahrheit entspricht, werden wir vermutlich nie herausfinden. Letztlich spielt es auch kaum eine Rolle mehr für uns, die wir ein halbes Jahrtausend später unsere ganz eigenen Probleme haben. Der Ansatz, mit dem die Öffentlichkeit dem Elternsein begegnet zum Beispiel, der Umgang von Ärzten und Pharmaindustrie mit Schwangeren, ihren Bedürfnissen und Ängsten, halte ich persönlich für äußerst bedenklich.

Und dennoch, trotz dieser Vorbehalte:

Ich bin unendlich dankbar, in eine anderen Zeit (und in diesen Teil der Welt) hineingeboren worden zu sein. Ich bin dankbar dafür, dass unser persönliches Glück nicht mehr abhängig ist davon, ob wir einen männlichen Nachkommen zeugen oder nicht. Ich bin dankbar für all die Möglichkeiten, die uns die moderne Medizin eröffnet, und die dabei hilft, Probleme in der Schwangerschaft frühzeitig zu erkennen und so viele zu früh geborene Babys zu retten. Und schließlich bin ich dankbar dafür, dass die persönlichen Tragödien, die zu verhindern wir dennoch manchmal nicht in der Lage sind, schon lange nicht mehr unter breiter gesellschaftlicher Anerkennung uns Frauen angelastet wird.

Denen, die das Thema interessiert, und die sich von englischen Büchern nicht abschrecken lassen, kann ich „Six Tudor Queens – Anne Boleyn, A King’s Obession“ von Alison Weir empfehlen: Eine einfühlsame und packende Biografie der vielleicht berühmtesten Ehefrau von Heinrich VIII.

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