Anno

Es war eine ganze Weile ruhig auf dem Blog. Woran liegt das eigentlich? Tja, wenig überraschend, schlicht und ergreifend am Zeitmangel. (Kennt jemand die schönen alten Anno-Strategiespiele? Mir kommen da gerade diese Ausrufe in den Sinn, mit denen der Sprecher den Spieler vorwurfsvoll und recht eindrücklich auf die neuralgischen Punkte in der Versorgungskette hinwies. In unserem Fall würde es, statt Gewürzen oder Tabak, wohl heißen: „Es mangelt an Zeit!“ oder: „Zeit – ist Mangelware“).

Auf Arbeit ist gerade einiges los, so dass wir beide oft nicht pünktlich nach Hause kommen. Der Frühling hat sich endlich unser erbarmt, was neben der positiven Auswirkung aufs Gemüt auch ein erhöhtes Arbeitspensum mit sich bringt. Zwar bin ich in der komfortablen Lage, dieses hauptsächlich auf D. abwälzen zu können (der, wie ich betonen muss, ganz und gar in dieser Rolle aufgeht), aber selbst mich packt sporadisch das schlechte Gewissen ob dieser ungleichen Arbeitsteilung und ich finde mich in der Folge Löwenzahn-Stechend oder Pflanzen-Standort-Aussuchend auf dem Gelände wieder. Und dann ist da noch mein „Projekt“, an dem ich seit Anfang des Jahres mit Hingabe arbeite, welches einen Großteil meiner freien Zeit in Anspruch nimmt und über das ich zu gegebener Zeit vielleicht hier berichten werde.

Was hat sich in der Zwischenzeit bei uns getan? Gar nicht so viel, und doch einiges. Beruflich steht eine größere Veränderung für uns an: D. und ich tauschen unser Arbeitszeitmodell. Nach fünf Jahren, die ich entweder schwanger oder in Elternzeit war oder eben in Teilzeit gearbeitet habe, werde ich im Juli wieder zur Vollzeit zurückkehren. Ein großer Schritt, auf den ich mich riesig freue, dem ich aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt entgegensehe. Im Gegenzug wird D., der jetzt noch in Erinnerungen an seine Elternzeit schwelgt, seine Arbeitszeit dauerhaft auf 30 Stunden reduzieren. In Summe bleibt also alles gleich, nur die Verteilung ändert sich – ich hoffe nur, dass der Plan aufgeht und sich die Umlage der häuslichen Pflichten genauso problemlos realisieren lässt wie die der beruflichen.

Und bei den Tiets?

Nele, unsere kleine Nele, wird riesengroß. Jeden Tag staunen wir, wie schnell die Zeit vergeht (ah, da ist er wieder, der ewig ausgekaute, furchtbar abgelutschte und doch so erschreckend wahre Spruch). Das bezieht sich nicht nur auf die Bekleidungsstücke, die wir vor gefühlten vier Wochen gekauft haben und die schon wieder partout nicht mehr passen wollen. Nele macht einen geistigen Sprung nach dem anderen, so dass wir manchmal das Gefühl haben, gar nicht recht hinterher zu kommen. Sie versucht gerade mit Feuereifer, sich selbst das Lesen beizubringen, weil sie unbedingt den Sinn hinter den Buchstabenfolgen, die überall im Alltag auftauchen, entdecken will. Sie deckt am Wochenende den Frühstückstisch alleine, während wir oben im Schlafzimmer noch erfolglos mit den zwei anderen Tiets um jede Minute kämpfen, die wir mit geschlossenen Augen verbringen dürfen. Sie findet Diskrepanzen in der Argumentation der Erwachsenen, noch bevor diese ausgeredet haben, und fordert energisch Aufklärung. Diese Skepsis gegenüber allem, was die Eltern äußern, führt allerdings auch dazu, dass Nele gefühlt jeden zweiten Satz mit „Aber…“ beginnt, egal, um was es gerade geht. Das ist ziemlich anstrengend, vor allem, wenn wir eine wie auch immer geartete Ansage machen. Nun gilt in unserem Haushalt die Regel, dass die Eltern das Gesetz machen, und daran lassen wir auch keine Luft. Nele scheint noch nicht gelernt zu haben, dass das nicht böse gemeint ist, dass wir ihr kein Unrecht tun wollen, wenn wir ihren Einwand nicht gelten lassen, sondern auf der Ausführung unserer Anweisung bestehen. Dabei geht es ja nicht um gravierende Beeinträchtigungen ihres Wohlbefindens, sondern um alltägliche Dinge wie das Aufsetzen der Mütze, wenn es kalt ist, oder das Aufessen der Schnitte mit dem Belag, den sie sich gerade noch ausgesucht hat. Wir haben noch nicht recht durchschaut, warum, aber irgendwie fühlt sie sich sofort angegriffen, bricht unverzüglich in Tränen aus und lässt sich nur – nur! – dadurch beruhigen, wenn wir sie in den Arm nehmen. Jeder anderweitige Versuch, ruhig und vernünftig mit ihr zu reden, läuft ins Leere. Abgesehen von den häufigen, nervenzehrenden Heulanfällen ist Nele aber ein sehr liebes, kluges Mädchen, das jeden Tag ein Stück selbstständiger wird.

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Lena ist und bleibt unser zuckersüßer Lieblings-Terrorist. Die Schlafsituation ist wieder zurück beim alten, halbwegs erträglichen Mittelmaß. Nach dem Schlafengehen ist sie diejenige, die noch etwa fünfmal pro Abend unter den immer gleichen Vorwänden aus dem Zimmer kommt: Sie hat Durst, sie will nicht allein im Zimmer schlafen, sie will nicht mit ihren Geschwistern im Zimmer schlafen, sie hat Bauchschmerzen, sie kann ihre Püppi nicht finden, ein Kuscheltier liegt fälschlicherweise im Bett, ein anderes ebenso fälschlicherweise nicht darin…  Ist sie dann irgendwann eingeschlafen, wacht sie nachts wieder auf und weint – oder sie stiefelt gleich zu uns herüber und mogelt sich in unser Bett. (Wir sind dazu übergegangen, ein Kreuz in den Kalender zu machen, wann immer wir eine Nacht komplett durchschlafen. Im April kamen wir auf ganze zwei Kreuze, im Mai warten wir nach wie vor vergeblich auf das erste Kreuz. Neben Lena ist meist Phil der Übeltäter. Er wacht relativ zuverlässig zwischen 22 und 23 Uhr auf und verlangt dann unnachgiebig, ins Beistellbett gelegt zu werden – wo er zumindest sofort anstandslos ein- und den Rest der Nacht durchschläft.) Wenn ihr die vielen Widrigkeiten des Alltags keinen Strich durch die Rechnung machen, blüht Lena dagegen regelrecht auf. Sie verblüfft uns mit ihrer Logik, sie bringt uns zum Lachen mit ihren trocken-humorvollen Kommentaren. Sie sagt häufig, ohne, dass wir sie dazu auffordern, „Bitte“ und „Danke“, oder einfach mal so zwischendurch: „Mama, ich habe dich lieb“. Sie kümmert sich rührend um ihren kleinen Bruder und sieht ihm so ziemlich alles nach. Außerdem beginnen ihre Haare beginnen endlich richtig zu wachsen, und mittlerweile können wir ihr zur ihrer riesigen Freude sogar ein kleines Zöpfchen machen.

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Phil, mittlerweile 21 Monate alt, wird jeden Tag frecher. Seit zwei Wochen lassen wir ihn tagsüber ohne Windel herumlaufen. Nach den üblichen Startschwierigkeiten – die wir auch bei den Mädels zu verzeichnen hatten – zeigt er uns inzwischen meist durch Hochziehen seines T-Shirts an, wenn er mal muss. Wenn wir ihm zu langsam sind, läuft er selbst ins Bad und öffnet publikumswirksam knallend den Klodeckel. Tatsächlich ist Phil so stolz darauf, ein Großer zu sein, dass er gegen das Anlegen der Windel im Regelfall lautstark protestiert. Wobei – Protest ist sowieso gerade sein Lieblingsspiel. Phil weiß sehr genau, was er will und was nicht. Geht irgendetwas nicht nach seinem Plan, werden ganz schnell die Hörner ausgefahren, und schon haben wir den Archetyp eines trotzigen, kleinen Bengels, der sich auf den Boden wirft und dabei, das Gesicht unter den Armen versteckt, in schauspielerischer Meisterleistung zu schluchzen beginnt. Ansonsten ist er aber nach wie vor ziemlich pfegeleicht – kein Vergleich zu den Heulattacken, die wir von den Schwestern kennen. Er ist fröhlich, freundlich und ständig zu Scherzen aufgelegt, merkt aber meist auch genau, wann wir keinen Spaß mehr verstehen. Er ist flink und aktiv, zeigt unheimliches Geschick beim Umgang mit den diversen Fahrzeugen, die sich in unserem Besitz befinden, und liebt es, den Familienclown zu geben.

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Ich habe gestern einen Vortrag zum Thema Erziehung besucht. Die Referentin hat geäußert, dass Geschwister sehr oft sehr unterschiedlich sind, ganz einfach deshalb, weil jedes die eigene Nische in der Familie für sich sucht. Eine Aussage, die ich zu hundert Prozent unterschreiben kann.

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